Neuorientierung und Abkehr vom Mainstream
Vor der Corona-Pandemie bin ich wie ein dämlicher Hamster von einem Job zum anderen gehechtet, Urlaub war für mich nur selten Möglich und ich hatte chronische Zukunftsangst, die ich in Alk und Weed ertränkt habe. Als Freelancer konnte ich mir einfach nicht erlauben, einer Jobanfrage abzusagen oder länger krank zu sein. Einige haben gesagt, selbstgewähltes Schicksal, andere wissen so gut wie ich, dass man sich das Leben nicht unbedingt so frei gestalten kann, wie Leute es sich vorstellen, die so ein Leben nicht führen. Das berufliche Notaus der Pandemie war für mich nachträglich betrachtet etwas sehr gutes. Wäre ich nicht gezwungen gewesen anzuhalten, würde ich heute noch in diesem Hamsterrad feststecken, straight auf dem Weg Richtung Burnout und Existenzkrise.
Ich habe streckenweise ganz gut verdient, wenn ich teilweise mit 8k Brutto im Monat nach Hause gekommen bin. Doch zu einem Preis, den ich heute keinesfalls mehr bereit wäre zu zahlen. Wenig Freizeit, keine guten Möglichkeiten soziale Kontakte zu pflegen. Ich meine die im echten Leben, Leute zum anfassen. No Family, no Fun, just working.
Wenn es aufhört, seine Motivation für diesen Beruf aus den „fetten“ Produktionen zu gewinnen die man mal „gemacht“ hat, in der Hoffnung, dass es weitere fette Produktionen und Namen geben wird, mit den man seine persönliche Hall of Fame schmücken kann, bleibt eigentlich nicht mehr viel übrig.
Ich möchte zukünftig nur noch für Vereine oder NGOs tätig sein, nicht mehr für grundkapitalistische Verwertungsbuden in der das einzige Erfolgskriterium meiner Arbeit eine maximal hohe Marge ist. Ich möchte nicht mehr Teil einer Gesellschaft sein, die aus Gier über Leichen geht.
„Na gut, Dennis, aber das ist ja überall der Fall, man muss eben wirtschaftlich handeln, ansonsten wäre man ja schon etwas dumm und würde Geld verlieren. So funktioniert eben das System.“
Danke für diesen opportunistischen Einwand. Dann schauen wir uns mal an, wie diese Leichen genau aussehen, die so ein Handeln nach dem Systemstandard erzeugen wird.
Ausbeutung im Tourbetrieb
Es gibt einen Unterschied zwischen wirtschaftlichem Handeln und Ausbeutung von Ressourcen. Ich habe das schonmal in einem anderen Post thematisiert: wenn ich ein Tourteam aufstelle, welches gleichzeitig Aufbau-, Show- und Abbaucrew ist, dann kann ich das nur auf Kosten der Gesundheit meiner Crew machen. Eine Tour, die 6,5 Millionen Umsatz erwirtschaftet hat, erzeugt ungefähr Fixkosten von, sagen wir, 3,5 Millionen Euro. Hier kann ich immernoch wirtschaftlich handeln, wenn ich ein zweites oder sogar drittes Team bezahle, die ich mit Nightliner auf Tour schicke. Das wird aber nicht gemacht. Warum nicht? Weil es nicht wirtschaftlich ist? Nein, das wird aus Gier nicht gemacht. Weil wenig Leute mal eben auf Kosten von mehreren anderen Kohle machen wollen. Das ist Umverteilung von Wohlstand nach oben. Nach den Regeln der Betriebswirtschaft wäre es aber locker drin, hier für bessere Bedingungen zu sorgen. Zum Vorteil derjenigen, die ja überhaupt erst den Umsatz von 6,5 Millionen Euro durch ihre Arbeit, ihren Schweiß und Tränen rechtfertigen!
Gleiche Firma, gleicher Umsatz, gleiche Tour. Eine Lichttechnikerin verdient Summe X für die Tätigkeit als Lichttechnikerin. Jetzt stellt sich in der Vorbereitung der Tour heraus, dass sie aber eigentlich maßgeblich für Medientechnikaufgaben verantwortlich sein soll, für Qlabs, Medienserver und die LED-Wall. Dafür gibt es aber einen ganz anderen Kurs und außerdem ist das eine Doppelverantwortlichkeit. Als sie diesen Konflikt ansprach, war das HO zwar einigermaßen fair und gab ihr 500 Euro mehr aufs Netto, von dem sie danach aber trotzdem nur 1500 hatte. Ein Witz als fertige Fachkraft für Veranstaltungstechnik auf Tour in so einer Anforderung. Es ist keinesfalls zu entschuldigen, wenn Menschen aus einer Firma andere Menschen, die bei ihnen angestellt sind, über den Tisch ziehen und übervorteilen. Allein deswegen hätte ich als TL der Tour schon kündigen müssen.
Ausbeutung in der gehobenen Hotellerie
Anderes Beispiel: Eine Full-Service-Veranstaltungstechnik Bude hat einen Auftrag im Wert von ca. 2,0 Millionen Euro für einen ständigen Vertragspartner (ein Hotel) an Land gezogen. Der Gesamtumfang liegt für den Auftraggebenden deutlich höher. Es wird für ca. 10 Tage in Berlin eine Convention abgehalten, zu der ca. 20 TechnikerInnen von der Full-Service-Bude vom freien Markt eingekauft werden. Tagessatz 250 Euro pauschal für jeden. Es gibt 14 Breakouträume für die eine Betreuung verkauft wurde. Der Ablauf der meisten Tage empfiehlt, dass zwei Leute für diese Betreuung von 7:00 Uhr bis 22:00 Uhr vor Ort sein müssen. Einmal für Video/Medientechnik, einmal für Tontechnik/Beschallung. Für jeden gewissenhaften Fachplaner/Personaler ist klar: hier brauche ich vier festangestellte Leute, oder aber ich zahle für zwei Freelancer einfach 1,5 Tagessätze. Einige Freelancer freuen sich. Da ich hier tatsächlich am meisten sparen kann, sage ich einfach: Leute, pro Breakoutraum gibt es jetzt nur einen Menschen, der sowohl Ton als auch Video bedienen soll. Somit habe ich mir einmal 250€ pro Raum gespart. Das Catering für meine komplette Crew bestelle ich so günstig wie es geht. Es gibt Pommes und Schnitzel in Warmhalteplatten mit Ketchup. Für jeden eines. Cool, habe ich mir schonmal die Kosten für das Hotelcatering gespart und stattdessen eine wirklich nahrhafte, respektbekundende Mahlzeit bereit gestellt, sodass meine Leute auch die 15 Stunden super gut performen können. Das ist Qualitätssicherung! Von dem Geld, welches ich für diesen Auftrag bereits umgetzt habe, wäre es auch drin gewesen, den Leuten Haifisch in Aspik vorzusetzen (um es mit Peter Fox‘ Worten zu sagen), sowie je einen Menschen für Ton und einen für Video einzukaufen, plus jeweils für jeden eine Assistenzstelle und noch zwei Leute, die ständig für frische Luft mit einem Palmwedel sorgen. Diese letzteren bekommen dann den dreifachen Tagessatz für diese entwürdigende Aufgabe. Noch dazu ist für alle nach 10 Stunden Feierabend, weil ich von der Kohle locker genau die Anzahl der Leute doppelt einkaufen hätte können, pro Breakoutraum. Das zur Wirtschaftlichkeit. Warum wird das nicht gemacht? Wegen der Gier und der psychotischen Notwendigkeit für andere im System dieses Geld sparen zu müssen, obwohl es vorhanden und erwirtschaftet wäre. Tja, kann man nix machen, nech? Ist halt so. Ne, ist halt scheiße so.
Ausbeutung in kleinen Ranzbuden
Noch ein andere Beispiel: Eine kleine Technik Bude hat einen Auftrag für eine Medienaustattung mit Screens und Regie. Umfang des Auftrages 12.000 Euro. Der Betrieb hat 4 Auszubildende, von denen 2 Azubis diesen Auftrag umsetzen sollen. Cool, für die Azubis eine nette praktische Erfahrung. Es werden trotzdem zwei Freelancer für die Betreuung eingekauft. Parallel hat an diesem Tag das Unternehmen noch weitere Aufträge angenommen, sodass alle Beschäftigten irgendwo eingebunden sind. Den Freelancern werden zwei Sprinter bereit gestellt, die von diesen beladen werden sollen. Am Ende sollen die Freelancer mit zwei Sprintern und je einem Azubi im Gepäck zum Job ca. 80 km außerhalb von Berlin rausfahren. Was der Cheftyp nicht sagt ist, dass nur Festangestellte die Sprinter fahren dürfen und sogar bis zu 25k Strafe darauf stehen, wenn es zu einer Kontrolle kommt. Vor Ort auf dem Job gilt es, einen 160 kg schweren Screen auf die 50er Bühne zu stellen. Die beauftragende Firma hat einen Stapler, mit dem das Ding angehoben werden kann, der kostet aber 300 Euro Miete für den Aufbautag. Also 600 Euro für Auf- und Abbau. Der Cheftyp hat unter Wehklagen zugestimmt und dieses Ding für uns gebucht. Also hat der eigentlich erwartet, wir würden da mit vier Leuten dieses 160kg schwere Case anheben? Ja, offensichtlich. Und er hat auch in Kauf genommen, dass sich „seine“ Freelancer dem Risiko aussetzen, eine Strafgebühr zu zahlen, die sie insolvent gemacht hätte, als er seine anderen Azubis auf Jobs verteilt hat, für die er sonst hätte wieder Leute einkaufen müssen. Irgendjemand fährt die Dinger schon, oder? Der Job war von 8:00 Uhr bis Ende Abbau 22:00 Uhr, kein Catering, reine Selbstverpflegung, nicht mal Wasser hat diese Geizkröte uns hingestellt. Beim Ausladen haben wir seinen fetten SUV gesehen und dann war uns klar, warum er sich von den 12k die paar Brötchen und eine ausreichende Veranstaltungsplanung absparen musste. Umverteilung von unten nach oben.
Missbrauch in geförderten Geldmanufakturen
Noch ein anderes Beispiel gefällig?
Ich bewarb mich in einem Mehrzweck-Venue in Berlin-Friedrichshain. Es hatte einen großen Saal und war ansonsten baulich nicht gerade auf eine moderne Nutzung als Versammlungsstätte ausgelegt. Dennoch verfügte der Laden über eine gültige Betriebsgenehmigung. Mal abgesehen davon, dass ich so ziemlich alles an und in diesem Venue irgendwie mega unsympathisch fand, gabs aber auch tatsächlich richtig objektive Mängel. Dauerhaft zugestellte Fluchtwege, seit Jahrzehnten ungeprüfte Veranstaltungstechnik im Geltungsbereich Lasten über Personen, unzulässig hohe Brandlasten und mangelhafte Veranstaltungsorganisation. Bisher das schlimmste, dessen Zeuge ich wurde. Aber am schlimmsten war noch die Unterbringung der Technikkollegen aus Hausmeisterei und Veranstaltungstechnik. Die VA-Technik war in einem ehemaligen Vorführraum ohne Fenster untergebracht. Ein Serverschrank sirrte laut und die Neonrühren waren am flackern. Die EDV schien aus dem vergangenen Jahrzehnt zu stammen. Einfach alles richtig odd. Die Hausmeisterleute waren im Keller ansässig, komplett ohne irgendwelche Fenster, noch nichtmal eine scheiß Lüftung, eine stickige feuchte Scheißhölle. Die Chefs des Ladens wohnen in Reichengegenden in ihren Villen. Ernsthaft, kein Flachs. Dreimal die Woche fahren sie mit ihren BMW SUVs vor, lassen sich den Fahrzeug-Innenraum von ihren Angestellten putzen und residieren selbst in ca. 50m² Büros mit durchgängig verglaster sonnendurchfluteter Fensterfront. Der Laden bezieht jährlich ca. 1,6 Millionen Euro aus EU Fördergeldern und Berliner Fördertöpfen für den Erhalt dieser „Kulturstätte“, die eigentlich keine Kutlurstätte ist, sondern auschießlich Vermietung an die Industrie macht. Mitarbeitende, bzw. Angestellte werden dem Betrieb regelmäßig entrissen, damit diese beim Ausbau der Villen helfen. Natürlich nur für das Gehalt, welches sie eh schon bekommen. Ich wurde gefragt, ob ich mich mit Homematic-Systemen auskennen würde, man könnte ja dann auf jeden Fall richtig Geld sparen, weil man keine Fachfirma beauftragen müsste. Ihr denkt ich spinne? Genauso erlebt. Eine richtige Blaupause für Ausbeutung und ein super Beispiel für die Umverteilung von unten nach oben. Ist das mit wirtschaftlichem Handeln gemeint?
Es ist einfach eine frustrierende Branche und man hat den Eindruck, um so höher man kommt, um so übler riecht es.
Bei allen Beispielen ist das wesentliche Merkmal, dass die Menschen nicht genug von dem Wohlstand abbekommen, den sie für andere erwirtschaften. Und so lange das so ist, so lange werde ich keine Motivation mehr haben für einen gewinnorientierten Laden zu arbeiten.
Ich möchte keine Unternehmerpflichten mehr eigenverantwortlich übernehmen, für maßgebliche Betreiberpflichten verantwortich sein, nicht mal für ganz viel Geld. Meine Ausbildung zur Fasi fängt bald an und ich bin so unmotiviert, wie vor einem Termin beim Gastroenterologen zur Magenspiegelung ohne Narkose.
Ein weiterer Aspekt ist doch, dass die Verbesserung von Arbeitsbedingungen auch immer zusammen mit einer höheren Erwartungshaltung an das Performen zusammenkommt. Habe ich einen Wasserspender, Obst und Nüsse frei in der Küche verfügbar, zahle ich das Jobticket meiner Leute, biete ich Elternzeit, mehr Urlaub oder stelle den Angestellten ein Leasing-eAuto, oder ein Lastenbike? Dann gelte ich als guter Arbeitgeber. Aber auch nur deswegen, weil das der Minimalstandard ist. Mir ist das einfach zu wenig, wenn es dafür nichts an der grundsätzlichen Einstellung bzgl Chef, Macht, Angestellte, Arbeitsbedingungen, Augenhöhe ändert und in den Köpfen doch weiter bestehen bleibt, dass man für den Minmalstandard dankbar sein sollte. So als danke man einem Stärkeren, dass der einen manchmal sanft behandelt und nicht so oft in die Fresse haut.
In diesem Sinne, verkauft euch nicht unter Wert.
