Mit Neptuns Segen

Mein Jahr 2025 lässt sich mit den Worten vom Regen in die Traufe beschreiben. Ein frustrierendes Jahr geht jetzt entgültig zuende und ich bin seit diesem Abfuck in einer Phase der Neuorientierung.

Als ich die Stelle als Technische Leitung auf Tour (Tour TL) sah, bewarb ich mich sofort und nach einem relativ kurzen Bewerbungsgespräch, wurde mir mein erster digitaler Vertrag zugeschickt, völlig ohne Papier. Damit hatte die Firma schon fast bei mir gewonnen. Alles wirkte sehr organisiert und umfänglich gestaltet, ein gutes Onboarding! Und so startete ich vollständig motiviert in meinen neuen Job, der vier Monate gehen sollte, mit Aussicht auf weitere Touren.

Die Vorbereitungsphase

Ich nahm bereits ein paar Monate vor Beginn der Proben mit dem sog. Head Office Kontakt auf, um wichtige Parameter zu besprechen und den Stand der Dinge zu erfragen.

Unter anderem übersendete ich eine Liste mit Punkten, die ich gerne schon im Vorfeld kommuniziert haben wollte. Man sagte mir, ich könne mir wünschen was ich wolle. Ich wusste, dass Bühnenbild wurde gerade noch in Tschechien hergestellt und die Kostüme wurden genäht. Außer einem sehr groben Tourplan hatte ich bisher keine weiteren Informationen.

Meine Liste enthielt unter anderem ein Toolcase, einen 1H-Koffer als Tourausführung in einem rollbaren signalfarbenen Transportcase und wichtige Unterlagen, wie Lastenpläne, Brandeigenschaftsnachweise relevanter Ausstattung, des Bühnenbildes und Deko, sowie Kontaktlisten der Venues und Standsicherheitsnachweise. Davon wurde im Vorfeld nichts beantwortet und ich kam mir irgendwie dumm vor, weil ich zu diesem Moment noch den Eindruck hatte, dass ich da zu übertrieben Dinge erfrage, die absolut selbstverständlich sind.

Die Arbeitsorganisation sollte so gestaltet sein, dass dem Tour TL eine fertige Tour, inklusive Technik und allem Drum und Dran übergeben wird und ich damit losfahre und die Tour umsetzte. Ich wollte daher so früh wie möglich schon wenigstens etwas Gestaltungsmöglichkeit nutzen und die für mich wichtigen Eckpunkte geklärt und relevante Punkte besprochen haben, bevor ich für ein paar Monate mit einem Stück unterwegs bin.

Ich richtete mein Konto auf dem internen Planungstool ein, welches ich für die Kommunikation nutzen sollte.

Bald kam ein etwas detailierterer Tourplan von dem die meisten Dinge von tba auf ok gewechselt sind. Vertragsrelevante Abläufe aus einer umfangreichen FAQ für die Technische Tourleitung und für die Rolle meiner Kollegin, die Tourmanagerin, waren schon früh geschickt worden und ich hatte erstmal damit zu tun, die Abläufe zu studieren. Alle Rollen hatten fancy Namen, es gab zB die Head Of Stagemanagement und die Deputy Chief Stagemanagerin, sowie den Assistant Stage Manager, die Head Of Wardrobe und eine Callerin, First Deputy Chief Light, Assistant Deputy Sound, das klang alles sehr … englisch.


Ein Rucksack voll nasser Wäsche

Es war ein Samstag Nachmittag, ich trocknete gerade noch eine letzte Maschine Wäsche auf der Leine und richtete mir meine Vorlagen für Arbeitsdokumente ein. Risikobewertungen, Patching-Listen, Informationsblätter, Aushänge, Infektionsschutzunterlagen für Sanitär und Kontaktlisten der Venues, alles andere war gepackt und stand schon für die Abreise am Montag Morgen bereit. Als am frühen Abend der Anruf kam, ob ich anstatt Montag schon Sonntag kommen könne: im Head-Office (HO) sein ein Kollege weggefallen und sie bräuchten mich schon früher, am besten jetzt sofort.

Ich antwortete, dass ich noch Zeug trocknen müsse und den Zug gebucht hatte, an den ich ja auch gebunden war. Ja, hm, shit, ja, ne, doch, ich versuchs. Alles umgebucht, Föhn angeschmissen und die wichtigsten Klamotten für die lange Reise trockengeföhnt – den Rest konnte ich nass mitnehmen und im Hotel trocknen, kein Problem – fuhr ich Sonntag früh um 06:30 Uhr von Berlin nach FFM.

Als ich an der Probebühne ankam, wartete der "Technical Director" bereits auf mich. Er bedankte sich, dass ich schon früher angereist bin und sagte, dass sei gut, denn so könne man sich schon mal kennenlernen und er hätte mit mir noch ein zwei Dinge am Bühnenbild zu erledigen, welches am Vortag aus Tschechien ankam und bereits aufgebaut dastand. Ich dachte mir, what? Und das kann dann nicht einen Tag warten und ich fahre mit nassen Klamotten im Rucksack los, was mir komplett mein Wochenende zergliedert hat?

Auf meine vorsichtige Nachfrage zu meinen wichtigen Punkten, antwortete er sinngemäß, er habe das noch grob in Erinnerung und ich solle mir keine Sorgen machen, es sei an alles gedacht, er habe so viel mit den anderen vier Touren zu tun, die gerade parallel vorbereitet werden. Dabei ging mir ein leises „Oh, oh!“ durch den Kopf. Das klingt erstmal nicht gut und ich setzte mir das Thema auf baldige Wiedervorlage. Ich würde die Unterlagen noch konkret als Kopie erfragen, wenn es dazu einen günstigen Zeitpunkt gab.

Am Tag darauf lernte ich die Cast und das Kreativteam kennen. Ich blieb vorerst noch ein paar Tage in Hanau an der Probebühne. Bald sollte es losgehen auf die Probebühne in einem stillgelegten Theater, zu der die ganze Bagage dann aufwändig umziehen würde. Ich hatte mir vorgenommen für die Stagecrew, die ich noch überhaupt noch nicht kannte, schon einmal die Risikobewertung hinsichtlich der szenischen Darstellung zu beginnen. So wohnte ich den Proben bei und lernte alle kennen.

Das Bühnenbild

Eine tschechische Werkstatt hat das Bühnenbild umgesetzt und es bestand ganz unüblicherweise aus vielen dünnen Aluminiumpanelen, die an ihren Vierkantprofilrahmen fest verschraubt werden mussten. Als dreiteiliges Set und einer Firsthöhe von 4,8 m wog jedes Teil mehrere hundert Kilogramm.

Künstlerisch war das ein ziemlich schönes Set, es hatte dimensionale Ausstaffierungen, die von innen beleuchtet werden konnten und transparente Fenster mit Schnee auf den Simsen. Wenn ich so ein Set sehe, denke ich sofort an den Brandschutz und fragte den TD, woraus das Set gefertigt wurde. Er antwortete nur Aluminium und Styropor.

Moment, was? Styropor gibt es zwar als superteuere brandsichere Variante, ansonsten ist Styropor etwas, was man in Versammlungsstätten nicht so gerne sieht, weil es sehr toxisch wird, wenn es abraucht. Ich sah bereits dort, dass wir mit dem wiederkehrenden Auf- und Abbau sehr vorsichtig sein mussten, damit die Dekoration nicht durch das Handling kaputt geht.

Alles in allem war die Stimmung sehr gut und der TD versicherte mir, dass alle notwendigen Unterlagen vorhanden seien, ich solle mir keinerlei Sorgen machen. Somit löschte ich die Dokumentationspflicht aus meinem Gedächtnis und kümmerte mich beginnend um die Transportlogistik für zwei Sattelschlepper und sammelte Infos für die ersten Venuekontakte, Duisburg, Hamburg und München. Ohne die weitere Technik zu kennen, welche erst im Trainigstheater dazukommen würde, ging ich davon aus, dass wir fast einen kompletten Zug nur für das Bühnenbild einplanen mussten.

Ich zog ohne Cast und Crew im Hotel direkt am Theater ein und lernte die Kollegen aus dem HO kennen, die die Fachplanung Licht/Video- und Tontechnik, sowie Rigging und Netzwerk machten. Noch drei Tage, dann käme endlich auch meine Crew dazu. Ich stellte mich allen vor und schickte den Einsatzplan der ersten Kennenlernwoche rum. Als technische Tourleitung war eine meiner Kernaufgaben die zeitliche Planung für die Crew.

Eines hat man sowohl an der Stimmung in Hanau, aber besonders an der Stimmung im Theater gemerkt; die Leute sind nicht so ganz entspannt. Sie haben viel geschimpft, auf die Planung, auf den hohen Workload, auf die Vorgesetzten. Einige haben Freizeit so ernst genommen, dass sie in ihrer Pause nicht mehr mit Leuten geredet haben, weil sie eben Pause hatten. Standard, dachte ich da noch naiv.

Die Prepping-Phase

Mein Team kam am nächsten Tag. Zwölf Leute, voll motiviert. Ein paar von ihnen bereits das zweite Mal für diese Firma auf Tour, andere komplette Quereinsteigende und neu dabei. Ich unterstützte den TD bei der Sicherheitseinweisung und den arbeitsschutzrechtlichen Informationen und das HO stellte sich allen vor.

Niemand vom HO konnte mir vorher sagen, wie der grobe Fahrplan der Prepping-Phase wäre, denn dieser wurde gerade noch geschrieben. Aufgrund der spärlichen informationen für mich und die Crew hatte ich dort das erste Mal ein unruhiges Gefühl, wenn ich daran dachte, dass es bereits in gar nicht langen drei (!) Wochen losgehen soll. Alle wurden eingespannt, um Kabelbäume zu bauen. Einige waren darüber sehr verwundert. Es war ein schön sonderbares Bild. Ein stillgelegtes Theater mit Großbühne, zwei Riggs und 12 Leute knüpfen Kabelbäume zusammen, ohne Plan, wo diese hinführen sollten. Die Aktionen der ersten Tage kamen nur durch spontanen Zuruf des HO zustande. Ende der ersten Woche schon hat es begonnen, dass die Crew genervt war und gerne genauer wissen wollte, was wie wo und wann passieren soll.

Die Requisiten mussten noch nahezu alle gefertigt werden. Spikemaps konnten noch nicht angefertigt und keine Rigging-Pläne gezeichnet werden, Werkzeug war nicht vorhanden, Kleine Setteile und Dekorationen mussten im Theater sehr zeitaufwändig gesucht werden, alles in allem war es eine ziemlich chaotische Situation.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Crew nicht einmal das Set gesehen, oder überhaupt eine Idee davon bekommen, was technisch passieren sollte. Am Ende der ersten Woche standen die Termine für den Setumzug.

Dann kamen die Motoren, die Movingheads, die LED Module, Packcases, und mir wurde ein Zugang gelegt für Onlinekonten, auf denen ich für die Crew alles notwendige Bestellen sollte. Budget ca. 10k.

Ich merkte bereits in der ersten Woche, dass wir mit der uns zur Verfügung stehenden Zeit gar nicht hinkamen. Wir alle kennen das Arbeitszeitgesetz hoffentlich ganz gut. Meine Lichttechnikerin, eine junge, sehr motivierte Person, kam bereits nach 2 Wochen auf über 60 Stunden und hatte mit den anderen zusammen in 3 Wochen nur zwei Tage frei. Den letzten Tag davon genau vor Tourbeginn.

15 Stundenschichten waren für fast alle an der Tagesordnung. Ich habe die Lichttechnikerin eines Abends nach 18 Stunden (sic!) von der Leiter geholt, wo sie noch an Leuchten rumschraubte. Daraufhin habe ich mich beim HO beschwert und die Anweisung erhalten, dass ich zwar die Zeiten ermitteln und intern abrechnen (im Falle einer Betriebsprüfung müssen ja die Arbeitszeiten stimmen), aber den KollegInnen bei der Wahl ihrer Zeiten freie Hand lassen soll.

Im Klartext: die Arbeitszeiten nicht einschränken, nur weil sie illegal sind. Sondern viel mehr den KollegInnen das selbst überlassen, wie lange sie arbeiten.

Hö? Wtf? Ich bin aber für den Arbeits- und Gesundheitsschutz der Leute verantwortlich und das per Vertrag und Pflichtenübertragung. Also soll ich im Schadenfall den Kopf hinhalten, aber ansonsten schön ruhig sein. Ok, dachte ich. Ich sprach das vernünftig beim TD an und es hieß vom HO, dass sich auf der Tour die Überstunden wieder ausgleichen würden. Offensichtlich waren hier keine Kenner des Arbeitszeitgesetzes am Werk.

Exkurs Arbeitszeitgesetz: 12 Stunden maximal pro Werktag, maximal 60 Stunden in der Woche. Und das nur, wenn innerhalb kürzerer Zeit ausgeglichen werden kann und wenn betriebliche Gründe vorliegen. Zudem: mit Minusstunden in einen Arbeitsvertrag zu starten, ist ok, solange dabei nicht die Regeln und Schutzziele des Arbeitszeitgesetzes untergraben werden.

Wir starteten alle mit 160 Minusstunden in unseren Vertrag. Bei einem Blick auf die Uhr erkannte ich, dass noch mindestens drei Wochen vor uns lagen, bevor die Tour losgeht und erst nach 2 Tourwochen die Möglichkeit überhaupt erst bestünde, etwas auszugleichen. Das kann ja heiter werden, dachte ich in meiner apokalyptischen Grundstimmung.

In drei Wochen würde die Tour losgehen und vom HO kam endlich nach mehr als einer Woche ein ungefährer Ablaufplan der Cast On Stage Proben (CoS-Proben). Ich nahm mir mit dem TD die Zeit, diesen noch einmal zu überarbeiten, denn darin war weder Freizeit eingeplant, noch Pausen. Einerseits lag mir das HR-Büro im Nacken, bloß für eine gute Stimmung zu sorgen, doch wann überhaupt hätte man sowas betreiben können, wie Teambuilding?

Zwischendurch kamen immer wieder große Lieferungen auf dem Gelände an. Trailer mussten geladen und ausgeladen werden. Ich sollte dafür immer ein paar Leute aus meinem Team organisieren. Auf einem Set-Teil war die Gewichstangabe vermerkt: über 200 kg? Ich habe dagegen protestiert und meinen Leuten untersagt bei derlei Aktionen mitzumachen, womit ich mir wahrscheinlich nicht unbedingt Freunde im HO gemacht habe. Wollten die mich verarschen? Zu viert ein so schweres Setteil heben? Die Tourcrew startet dann also auf diese ach so wichtige Tour mit drei Leuten, die einen Muskelfaserriss im Rücken haben? Richtig übel.

Ich war krampfhaft dabei die Specs vorzubereiten, die ich mit den Venues kommunizierien konnte, denn es war klar, dass sich, außer zur Buchung der Venues, sonst bisher niemand mit denen in Verbindung gesetzt hatte, die ersten Venues hatten gar keine Ahnung, was sie überhaupt erwartet, denn es hat sich im Vorfeld nach Vertragsunterzeichnung nie wieder jemand bzgl der Tour gemeldet. Eine Machbarkeitsnalyse bzgl des Riggings gab es nicht. Auch die anderen logistischen Anforderungen wurden im Vorfeld nicht wenigstens mal geprüft.

Die Relativität der Zeit

Ich konnte gar keine Szenarien und Tagesabläufe planen, weil ich gar nicht wusste, wie genau dieses Team mit dem Set umgehen würde, wie lange einzelne Prozesse an Zeit benötigen würden usw.. Nicht nur theoretisch, sondern ganz praktisch.

Die Prognose des HO war: mit 8 Leuten 4 Stunden zu benötigen das Set einzurichten. Wer sollten denn diese 8 Leute sein? Es musste parallel auch noch Licht und Ton, Maske und Kostüm und Dinge im Vorderhaus eingerichtet werden. Ich erkannte, dass wir schlicht zu wenig Leute waren.

Die Requisitenfertigstellung verzögerte sich massiv, die Lastenpläne für das recht aufwändige (Pre-)Rigging waren nicht vorhanden, es gab keinen Maßplan, keine Spikemaps, keinen Ladeplan, immer noch kein ausreichendes Werkzeug für die Bühnentechnik und rein gar nichts für Maske und Kostüm. Es war sehr überraschend aber vom HO kam mir die ganze Zeit nur aufgesetzte Entspannung entgegen, wenn ich anfänglich noch sehr vorsichtig meine Bedenken äußerte, was diesen mörderischen Zeitplan anging. „So ist eben Tour, alles auf den letzten Drücker, wird schon!“ Es wurde also systematisch ein Gefühl erzeugt, dass wir eine ziemlich unerfahrene Crew waren.

Dann stimmte mir der TD zu und eröffnete mir, dass er es auch für „sportlich“ hält, die Back2Back Reisen zeitlich auch hinzukriegen. Wenn die Crew in etwa morgens um 7:00 in das Venue gehen wird, dann um 18:00 die Show fährt und ab 22:30 erst anfangen kann abzubauen, was laut Zeiteinschätzung des HO mit 12 Leuten 3-4 Stunden dauern soll, dann kommt der Nightliner erst um 02:30 frühestens los, muss ca. 600 km fahren und soll uns dann um 7:00 wieder am nächsten Venue rauswerfen.

Also hat er für die Strecke von 600 km (im Schnitt) nur 4,5 Stunden Zeit. Fehlertoleranz: 0,0. Kein Puffer vorhanden, maximale Stresssituation für mich.

Das ArbZG verlangt zwischen zwei Arbeitsschichten mindestens eine Ruhezeit von 11,0 Stunden. Wenn sich in so einem Produktionsumfeld einer Tour herausstellt, dass dies nicht annähernd sichergestellt werden kann, muss man diesen Umstand mit Personal ausgleichen. An 45 % der gesamten Tourtage konnte diese Ruhezeit nicht eingehalten werden. Eine Auf- und Abbaucrew war der Produktionsfirma zu teuer und das Personal war auch so schnell nicht mehr zu bekommen. Wurde aber notwendig. So haben schlussendlich die Chefs selbst mit ein paar zugebuchten Leuten die B2B Nightliner-Reiseabbautage das Set abgebaut.

Dafür haben btw. ca. 14 Leute noch fünfeinhalb Stunden gebraucht. 🙂

Ende der Prepping-Phase

Die Kabelbäume waren nach einer Woche Prepping geknüpft, der Medienserver für die Zuspieler war eingerichtet, die Showfiles fürs Pult vorbereitet und der Tag des Set-Umzugs und der Beginn der CoS-Proben rückte näher. Man ist mit dem Set von der kleinen Probebühne in das Trainingstheater gezogen, eine Woche vor Tourstart.

Eine Woche vor Tourstart hatte also die Crew nun genau einmal die Gelegenheit das Set-Handling zu trainieren. Wir Tourcrew gingen steil auf Konfrontation und knüpften dem dürftigen HO-Zeitplan noch einen kompletten Umbautag nur für das Set heraus. So fuhren wir am Ende los mit einem Set, welches wir genau zweimal auf- und abbauen konnten. Zeitfaktor für diesen Extra-Set-Trainingstag: Für den Aufbau 6:30 Stunden. Für den Abbau 5:30 Stunden. Mit 12 Leuten. Ohne, dass parallel Ton, Video, Rigging, Kostüm, Vorderhaus und Peripherie wegerockt werden mussten.

Ihr müsst euch das so vorstellen: wenn ich von einem Zeitplan des HO schreibe, dann meine ich damit nicht, dass dieser von Anfang an irgendwo präsent aushing oder so. Dieser Zeitplan war einfach nicht vorhanden, nichts von allem hat einen gut geplanten Eindruck gemacht, es war einfach stellenweise sehr chaotisch und wir reagierten meistens von Problem zu Problem. Die uns betreuenden HO Technikkollegen gingen zu Beginn der CoS-Proben in den wohlverdienten Urlaub. Damit fing das Chaos an perfekt zu werden, weil damit genau die Leute gingen, die eine ungefähre Idee davon hatten, was noch geplant war.

Auf Nachfragen der Crew und mir hieß es immer: „kläre ich, komme auf euch zurück.“ Es gab sehr oft die Situation, dass es hieß „oh, ja, hier kommt der XY, um bei dem Handling der LED Wall zu helfen!“ Wir hatten anfänglich immer Netzwerkprobleme ich habe darauf bestanden, dass in der CoS-Probenwoche nochmal der Netzwerkmensch kommt und das System prüft und vor allem: dokumentiert, sodass meine Leute und ich auf da nicht ziemlich fragend hätten vor stehen müssen, wenn es etwas nicht läuft. Ich selbst war nicht in der Lage da eine bessere Struktur reinzubekommen und fühlte mich ebenso abhängig von den Prozessen im HO.

Es war also noch eine Woche bis Setumbau. Die KollegInnen hatten alle zu diesem Zeitpunkt nur einen einzigen freien Tag und als ich mit dem TD den Zeitplan festgelegt hatte, konnten wir für fast jedes Gewerk noch einen zusätzlichen Offday rausholen. In drei Wochen gesamter Vorbereitungszeit haben die KollegInnen nach Plan somit lediglich zwei Tage frei gehabt. Vom HO wurde Freizeit von Anfang an gar nicht eingeplant.

Dementsprechend war die Stimmung der Crew ziemlich schlecht. Wir sind VeranstaltungstechnikerInnen und sind es eigentlich gewohnt hart und lange zu arbeiten. Aber selbst die motivierteste Person ist nach 3 Wochen Dauereinsatz in 15 Stundenschichten komplett im Arsch. Stressresistenz geht verloren, die Unfallgefahr steigt rapide, das Immunsystem leidet, Motivation geht flöten. So geht keine Tour, wie mir das HO immer weismachen wollte; so geht Ausbeutung.

KollegInnen aus dem HO waren noch schlechter dran. Leute wurden aus dem Urlaub geholt. Bis kurz nach Tourstart haben zwei Leute aus dem HO dort gekündigt, weil sie vollkommen überfordert und ausgelaugt waren. Alle hatten massiv Angst, dass sich Leute aus unserer Crew verabschieden könnten und schenkten uns Bierkisten, für die wir schlicht nicht mal die Zeit hatten sie auszutrinken oder mal einen Tag im Kater zu liegen. Ein Kollege, der später gekündigt hat, sagte mir, dass er die letzten sechs Wochen keinen Tag frei hatte. So geht keine Tour… Aber was weiß ich schon. Dafür war die Stimmung in meinem Team trotz allem ziemlich gut.


Die CoS-Probewoche und Tourstart

Wenn Dir Deine Crew sagt, dass sie sich eine Woche vor Tourbeginn nicht für die Tour bereit fühlt, dann bedeutet das schon was. Wenn Dir die Cast dasselbe erzählt, dann ist das quasi eine Katastrophe.

Während der CoS-Proben lebte ich gedanklich schon zwei Wochen in der Zukunft. Zwei Tage vor Tourbeginn gabe es noch keine Lastenpläne für die Venues, die ich schonmal kummunizieren hätte können. Es war zum verzweifeln und langsam verlor ich auch ein wenig meine gute Laune, weil mir das HO immer sagte, „jaja, alles ist gut, wird schon“.

Innerhalb der CoS-Proben war für uns alle nicht mehr die Zeit etwas vorzubereiten. Alle stolperten irgendwie so in Richtung Premiere. Cast, Crew und ich. Wenn nach einem 12 Stunden Tag das große Künstlerische Meeting mit allen Gewerken begann, waren dort alle wichtigen Typen zu finden, deren Tag von 10 Uhr bis gepflegt 18 ging, schön entspannt ist man dann an der Hotelbar in Partystimmung versackt. Wie selbstverständlich hieß es von diesen Typen dann am Ende eines jeden Meetings um 18 Uhr: „die notwendigen Änderungen an den Requisiten/Deko/Set können dann ja noch heute erledigt werden.“ Doch waren meine Leute bereits zu diesem Zeitpunkt seit 12 Stunden am Set und ständig verfügbar für Regie und Cast. Wie selbstverständlich wurden hier nochmal 3-4 Stunden zusätzlich „angeordnet“. Awareness: 0. Legalität: egal. Attitüde: kapitalistische Grundordnung. So sei Tour eben. Ähm, no, so ist nur schlecht geplante Tour von Wichsern, die denken sie seien wichtiger als andere. Das war ja noch nichtmal schlecht geplant, das war Absicht. Aus Kostengründen.

Das schlimmt dabei ist ja, dass, wenn sich alle so sehr ins Zeug legen und sich selbst aufreiben, die Firmen am Ende die Erfahrung machen, dass soetwas realistisch umsetzbar ist. Und langfristig etabliert sich dann dieses Vorgehen als wirtschaftlich durchführbar. Und mehr Firmen ziehen dann mit und planen auch so ihre Touren.

Innerhalb der Veranstaltungstechnik habe ich den Sprung von 8 auf 10 Stunden pro Tagessatz erlebt und ich habe Firmen kennen gelernt, die diese Pauschale auf 12 Stunden erweitern wollten oder darüber hinaus. Es macht aber einen ziemlichen Unterschied in meiner retrograden Tagessatz-Kalkulation, ob ich mit 40 oder mit 60 Wochenstunden rechne.

Das hat so gut wie gar keinen Spaß gemacht und ich dachte nur so, was für eine Firma, die nicht nur den TechnikerInnen gegenüber so respektlos ist, sondern auch den Schauspielenden gegenüber, dass sie sie nur eine Woche unter Live-Bedingungen tutti proben lassen – dafür aber den Anspruch haben, das Stück sei wie die Monteverdi-Trilogie an der Philharmonie.

Die Dollies für die Set-Teile kamen an, zwei Tage vor Tourstart. Die Werkstatt hat sie nach Plan vom TD gebaut. Die Rollen waren so tief angebracht, dass man mit den Teilen nicht über Steigungen und Neigungen fahren konnte, ohne aufzusetzen. In den Trailer reinschieben? Hängengeblieben… Also nochmal eben schnell umbauen, wofür man einen ganzen Tag benötigte, den man eigentlich für ganz was anderes brauchte.

Kleine Brötchen backen

Meine Probezeit war um und ich wusste zu dem Zeitpunkt, dass ich auf jeden Fall keine weitere Tour für diese Firma mitfahren werde. Die Premiere musste eine Stunde verzögerten Einlass machen weil wir den Timecode im fancy redundanten VLan verloren haben und es gab Soundaussetzer und die Follows waren off. Alles in allem hat man einfach gesehen, dass diese Tour nur mal so eben schnell mit Minimalaufwand unter geringsten Kosten dahingeflezt wurde.

Ich war für die Premiere schon komplett bedient, als ich sah, wie der Promoter noch innerhalb der Applausordnung mit Mikro die Bühne stürmte und das Publikum mit seinen anderen Tourangeboten belästigte. Was für ein unpassender Moment und wie respektlos der Cast gegenüber. Unfassbar.

Ihr denkt bestimmt, alter, so schlimm kann das doch gar nicht gewesen sein. Aber ich schwöre euch, dass es so war. Natürlich gab es auch ein paar Dinge, die ok waren und nicht alles war dystopisch beschissen. Sonst wären vielleicht tatsächlich Leute vorzeitig gegangen. Es hat sich so, wie beschrieben, zugetragen, ohne Übertreibungen.

Als wir dann schießlich in Hamburg waren, kam das erste Mal ein Betreibervertreter auf uns zu und wollte Brandeigenschaftsnachweise für das Set sehen. Diese konnte ich natürlich nicht vorlegen und verwies freundlich an den TD, nichts böses ahnend.

Tja, Kinder, was soll ich sagen? Es hat sich herausgestellt, dass er diese nicht hatte. Also hat er mich quasi in Hanau angelogen, als er mir vehement versicherte, dass ich mir darum keine Gedanken mehr machen müsse. Die Kollegen dort haben immer so getan, als sei ich völlig unbegründet irgendwie aufgeregt, was sich nun wiederum als völlige Fehleinschätzung herausgestellt hat. Fakt ist, ich habe nur mein Bauchgefühl nicht ignorieren können. Das Ende von diesem Trauerlied ist: das Venue hat uns untersagt die Veranstaltung mit diesem Set, dessen Teile keine Nachweise hatten, durchzuführen.

Verständlich, ist doch die Dokumentation eines der wichtigeren Punkte unseres Berufes. Ein 1×1 quasi. So standen 6 Leute am unserem Set und entfernten mit Metallspatel die Deko am Set. Kein Schnee mehr, keine Fenstersimse, eine Maueratrappen. Zurück blieben nur knallrosafarbene Klebereste und ein überwältigendes Gefühl des Verlorenhabens.

So zahlte dann der gemeine Gast 130 Euro für die besten Plätze, um ein Stück zu genießen, zu welchem die Cast sich nicht bereit fühlte, die Crew nicht genug trainiert war und dessen Set jetzt komplett zerstört war. Zudem gab es durch die mangelhafte Venueprüfung im Vorfeld in 100% der Venues Sichtlinienprobleme, in denen in etwa (variierte) 15% aller Gäste sichteingeschränkt die Show „genießen“ mussten.

Ich habe die Veranstaltung noch bis zum Einlass betreut und dann meine Kündigung eingereicht und bin die restlichen Termine nicht mehr mit auf Tour gefahren, sondern zurück nach Berlin. Ich hatte schon ein ziemlich schlechtes Gewissen, meine Leute da alleine zu lassen, aber ich konnte das nicht mehr verantworten, auch aus einem gewissen Prinzip heraus. Niemand war mir böse.

Auch die freundliche Bitte aus dem HR hat mir direkt nach der Blamage dann irgendwie den Rest gegeben. Ich wurde nämlich aufgefordert, Unstimmigkeiten innerhalb meiner Crew zu melden und quasi meine Leute anzukacken, wenn mir etwas auffallen sollte. Ich dachte nur: Mein lieber Herr Gesangsverein, wenn jemand das Team verlässt, dann deswegen, weil die Tour menschenverachtend geplant wurde, nicht wegen „Unstimmigkeiten“ im Team. Dieses war nämlich durch die Bank weg noch immer motiviert und stets freundlich gesinnt. Ohne die hättet ihr eure 6,5 Millionen Euro Einnahmen komplett an eure Gäste zurückzahlen müssen, denen ihr so eine Show zugemutet habt und auf dessen Reklamationen ihr nicht mal nach dem Einschalten eines Anwaltes reagiert habt. Schulnote: Versetzung gefährdet.

Und so kam ich vom Regen in die Traufe. Mit Neptuns Segen! 🙂