Sei nett zu der Person, die Zugang zu Deiner Zahnbürste hat…

Als ich mich nach meinem letzten Mitbewohner wieder auf die Untermietaction einlassen wollte, um etwas Geld zu sparen, habe ich mir ganz klare, konkrete Vorgaben gemacht, unter welchen Bedingungen das möglich wäre. Ich hatte ein ganz klares Menschenbild vor Augen, mit denen ich es mir gut vorstellen könnte, zusammen zu leben.

Eine Regel war zB, dass Facebook, Microsoft, Alphabet und die anderen Kackplayer auf unserem Spielfeld dauerhaft im Netzwerk geblockt sind – keine Kompromisse. Oder, dass ich Leute suche, die ein wenig umweltbewusst unterwegs sind und zB Öffis fahren. Dazu habe ich dann einen längeren Suchtext verfasst und den ins Netz gestellt. Dann regnete es buchstäblich die Anfragen und bei 99,99994 % war schon nach dem ersten Satz klar, dass der Text nicht gelesen wurde. Na klar, dachte ich, wo der Existenzdruck so hoch ist, irgendwas finden zu müssen, da scheißt man auf alle Vorgaben aus so einer Anzeige. Und dann habe ich die ersten Leute auch eingeladen und wollte das allein von Sympathie abhängig machen, wer den Zuschlag für das Zimmer bekommt. Allein in den ersten 45 Stunden habe ich bereits über 50 konkrete Anfragen gehabt. Bei einer eigenen Recherche habe ich im Umfeld meiner Wohnung, im Viertel, keine einzige Wohnung zu meinen Konditionen gefunden. 20m² Zimmer, für 370€, weil ich alles durch zwei Teile und keinen Gewinne machen will. Ich könnte, aber ich mach es nicht. Und egal, welche Vorgaben ich mir selbst auferlegt hatte, welche Bedingungen ich an dieses zukünftige Zusammenleben geknüpft hatte; ich habe sie alle bereits beim ersten Kennenlernen über Bord geworfen.

Nun habe ich eine Person hier wohnen, bei der ich mir anfangs überhaupt keine Mühe gegeben hatte, mal ein paar Dinge zu erfragen, und die komplett entgegen fast aller meiner Bedingungen den Schlüssel bekommen hat.

Mit einer fast unüberwindbaren Sprachbarriere, keinen akutellen Job, studiert business economics, you name it. Was kann ich da als alter Idealist erwarten, bei jemandem, der diesen ganz Kack sogar noch studiert und garantiert nicht meine Werte teilt? Wie bei der letzten Person, bei der bereits nach wenigen Tagen die ersten Amazonpakete eingeflogen sind, die zum Urlaub überall All-Inlusive hinflog, sonst auch komplett auf unsere Klimakatastrophe geschissen hat, oder bei der jeden zweiten Abend eine Essenslieferung eintrudelte, die fast alle zwei Tage gebadet hat und bei der – ungelogen – drei bis vier Male in der Woche die Waschmaschine lief. Nenn mich picky, aber das war so ein Overkill, dass ich sehr froh war, die Person endlich wieder los zu sein.

Und nun, mit der neuen Person, die hier wohnt, eskalierte gestern Abend eine Situation im Flur. Das kam so: wir haben eine neue Eingangstür bekommen und dadurch wurde die ganze Schlüsselsituation geändert. Ich dachte mir, biste ein netter Landlord und besprichst die neue Situation mit der neuen Person, die nun auch hier wohnt. Geht ja uns beide an.

In halbgebrochenem Englisch und mit Hilfe eines opensource-Übersetzungstools habe ich dann angefangen, nach dem Motto: schau mal, hier ist die neue Tür, lass uns die mal ausprobieren, auf und zuschließen usw, usf.. Wir müssen nun nicht mehr IMMER abschließen, wenn wir das Haus verlassen, nur wenn wir wissen, dass wir die LETZTE Person sind, die geht. Dann zuschließen. Ja, hoho haha, wie kriegen wir denn mit, dass der andere zu Hause ist? Hmmm… kurz überlegen. *Ping!* Hier ist noch eine alte Badezimmerhängedings aus Holz, die päpseln wir da an die Wand und hängen unsere Schlüssel hin. Gut, ok! Und dann schließen wir immer von innen ab, wenn wir zu Hause sind, nicht?

Ich so: ne, bitte nicht. Lass uns die Tür unabgeschlossen lassen, wenn wir zu Hause sind. Hä? Warum? Na, damit wir im Falle des Falles rauskönnen, ohne erst die Birne anzumachen, was nicht so gut geht, wenn man panicked.

Warum sollte man panicken? Naja, wegen Feuer und Rauch! Guck mal, wenn… Nenene, schau mal, nur einfach zweimal umdrehen und dann ist die Tür offen, is ja wohl nicht so schwer. Ja, hm. Ne, das widerspricht allen Erkenntnissen aus dem Stand der Technik für Flucht und Rettungswege. Menschen verhalten sich irrational, wenn sie flüchten und da sind selbst die einfachsten Sachen zu vie…. Wa? Hast Du n Trauma gehabt oder was? Bitte? Woher willst Du das denn wissen? Ich habe mich beruflich mit Flucht beschäftigt, in Versammlungsstätten, bin quasi Fachmann.

Die andere Person lacht und will einfach das Argument nicht schlucken, dass es besser wäre, die Tür nicht von Innen abzuschließen. Ich bleibe aber ruhig, so wie jemand ruhig ist, der weiß, dass er die besseren Argumente hat. Aber ich wiederhole immer wieder, aus welchen Gründen das nicht so gut wäre. Ruhig und respektvoll, wie ich HALT BIN!!! Ne, im Ernst, es gibt die Momente, in denen ich weiß, dass ich mich richtig verhalte, auch wenn sie weniger werden, mit zunehmendem Alter.

Dann switcht die Person von superfreundlich und lächelnd zu mässig angepisst und sagt: „I dont want to discuss this anymore with you,“ geht an mir vorbei in das eigene Zimmer und lässt mich ohne eine weiteres Wort auf dem Flur stehen. Wow, dachte ich. Das habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Einen kurzen Moment war ich dankbar für diese soziale Erinnerung aus meiner Jugend und bin dann in mein Zimmer gegangen. Nach etwa einer Stunde klopft es laut an meiner Tür. Die Person sagte in etwa, „wir sind ja eben nicht so gut aus dem Gespräch gegangen. Aber wie kannst Du da stehen und mir immer wieder und wieder dasselbe erzählen und mich volllabern!?“

Ich: „Das nennt man Diskussion, in Deutschland Sozialisierte diskutieren. Ein Argument gegen das nächste.“

Person: „Ja, aber warum belästigst Du mich denn überhaupt damit und laberst und laberst, wenn Du das doch nicht willst? Wir sind keine Freunde!!“

Ich: „Das weiß ich. Weil ich Dich in dieser Diskussion überzeugen wollte, dass genau abschließen nicht so gut ist. Ich habe ja nicht allein geredet. Wir haben ja zusammen geredet, da kam ja eines zum anderen, oder nicht?“

Person: „Ja, ne, total nervig, das kommt irgendwie cringe rüber so.“

Ich: „Es kommt cringe rüber, wenn Dein Mitbewohner mit Dir eine neue Situation bespricht und Dich in die weitere Planung einbeziehen möchte?“

Person: „Wie mit der Pfanne letztens! Du sagst mir, ich soll die nicht mit der Unterseite auf die Trockenablage aus Metall legen und ich habe aus Respekt gesagt ok.“

Ich: „Aus Respekt?“

Person: „Ja! Aus Respekt.“

Ich: „Ich verstehe zwar nicht, was das damit zu tun hat, aber ich hoffe, Du erwartest dafür kein Dankeschön? Denn 1) das sind meine Pfannen, und wenn ich Dir sage, dass ich nicht möchte, dass Du diese kaputt machst und Du das befolgst, dann gibt es dafür kein Danke. Und 2) gibt es kein Danke für Dinge, die komplett normal und für jeden klar denkenden Menschen selbstverständlich sind. DAS wäre nämlich cringe.“

Person: „Wir sollten hier so zusammenleben, dass Du meine Privatsphäre respektierst und mich mit sowas in Ruhe lässt.“

Ich: „Ey, ich wollte echt nur ein guter Landlord sein und Dich in diese Frage mit einbeziehen, aus Nettigkeit und weil ich in dieser Rolle einfach so handeln muss, aus meiner Überzeugung heraus.“

Person: „Ja, ne, wir sind aber keine Freunde.“

Ich: *nach einer Gedenkpause* „Das weiß ich doch. Also soll ich Dich in Ruhe lassen mit allem was sich um unser gemeinsames Zusammenleben hier dreht, oder wie?“

Person: „Genau! Die Privatsphäre des anderen respektieren.“

Ich: „Ich habe also Deine Privatsphäre misachtet, als ich Dich in die Türsituation mit involvieren wollte, verstanden. Dann werde ich in Zukunft Dir einfach nur noch sagen, was Du zu tun hast hier.“

Person: „Ja, gut!“

Ich: „Ernsthaft? Das ist Deine Vorstellung von so flatmatemäßig zusammenleben?“

Person: „Als ob Du ein Trauma hättest! Wie kann sich jemand so lange darüber unterhalten wollen, ob man jetzt nachts abschließt oder nicht? Ich verstehe es nicht, wie paranoid muss man sein?“

Ich: „Wir drehen uns ein wenig im Kreis. Das hatte ich schon beantwortet.“

Person: „Ja, aber das kann doch nicht sein!!!!!111!1!!!!!“

Ich: „Was ist, wenn ich Dir sage, dass ich ein Trauma hätte. Was ist, wenn ich sage, dass ich schonmal fast in einer brennenden Wohnung abgekratzt wäre?“

Person: *stockt kurz* „Warum hast Du das nicht gesagt!!!?“

Ich: „Weils nicht so ist.“

Person: „Wie? Du hättest mir das sagen müssen!!!“

Ich: „Auch wenn es so wäre, hätte es an der Situation nichts geändert. Es wäre dann immer noch scheiße gewesen, von innen den einzigen Fluchtweg abzuschließen, den man hat, außer das Fenster!“

Person: „Ja, aber das wusste ich nicht, das ändert alles!“

Ich: „Maaaaaannn, nein, ich habe keinerlei traumatische Erfahrungen in dieser Hinsicht gemacht!“

Person: „…“

Ich: „Ok, wir machen es so. Ich sage Dir einfach, was ich von Dir erwarte, ohne viel zu labern, oder Dich – omg – sogar mit einzubeziehen und lasse Dich ansonsten komplett in Ruhe, keine privaten Unterhaltungen, keine Küchengespräche mehr, nicht ’soll ich Dir was vom Kaufladen mitbringen?‘-Fragen, die komplett nervig sind. Und generell, Du machst Dein Ding, hältst Dich an Deine Pflichten und lässt mich auch in Ruhe. Einen putzplan hänge ich in die Küche.“

Person: „Gut.“

Ich: „Dann congrats, für dieses extrem schnelle pacing in Deinen Eskalationsstufen, die wir mal eben gemeinsam runtergeschlittert sind. Von einer Zweck WG hin zu einer Ignorierenwirunsgegenseitig WG. Tschüs.“

Dann habe ich die Zimmertür zu gemacht und erstmal nachgegrübelt. Wie kann man sich so missverstehen? Die Sprachbarriere ist sicher nicht so hilfreich beim Verständnis und vielleicht spielen auch kulturelle Unterschiede eine Rolle. Vielleicht denkt sie auch, das sei als „Zuwendung“ von mir gemeint, wenn ich sie einbeziehe und sie an Wohnungsthemen teilhaben lasse. Vielleicht leben wir in einer richtigen Kackwelt, in der Freundlichkeit eines Menschen, mit dem man in irgendeinem Abhängigkeitsverhältnis steht, sexuell konnotiert ist? Wie eine andere Mitbewohnerin mich in dieser Hinsicht auch komplett falsch verstanden hatte. Ich hatte sie, die Kohle war da und ich selbst bin immer zu dem Zeitpunkt auswärts essen gewesen, zu WG Feedbackgesprächen einfach mit ins Restaurant genommen und auch für sie bezahlt. Selbstverständlich, sie Studentin, ich ein 25 Jahre älterer Gutverdiener. Was macht man da? Sie hat das so verstanden, dass das Annäherungsversuche von mir waren. Nur, dass ich tatsächlich keinerlei Interesse an den Leuten habe, mit denen ich Zusammenlebe. Aus Prinzip alleine vögle ich nicht dort, wo ich esse.

Vielleicht ist es auch die aufgeschlossene Freundlichkeit, die ich gerne prinzipiell gegenüber anderen an den Tag legen will, die Misstrauen hervorruft? Vielleicht nehmen mich die Menschen um mich herum ja wie so ein Smiley-Gladhand mit hidden Agendas wahr?

So saß ich da, war enttäuscht und an dem Punkt, dass ich mir gesagt habe, wer meine Freundlichkeit und Zugewandtheit nicht will, der kann mal kacken gehen! Vielleicht werde ich als Arsch mehr respektiert. Jemand der ganz klar, ohne auf Befindlichkeiten zu achten, kommuniziert und seine Interessen durchsetzt. Das ist vielleicht die Sprache, die man interkulturell am besten versteht. Hier X, da Y, los mach, sonst fliegst Du raus.

Ganz ehrlich, es gab bei der Person auch mehr Dinge, die mich schon von Beginn an gestört haben. Einmal natürlich ist es sehr ungünstig, wenn man aufgrund einer ausgeprägten Empathie von seinen einst gesteckten Zielen ablässt, nur um zu pleasen. Andererseits gab es aber auch konkrete Vorgänge, die ich besorgniserregend fand. So erzählte ich ihr einmal von meiner guten Freundin, die son bißchen mental struggelt und auch Pillen nimmt und in Behandlung ist. Ich erzählte ihr, dass ich diese Freundin an Weihnachten besuchen würde. Das nutzte sie, um mir ihre „Sorge“ mitzuteilen, dass ich aufpassen sollte. Denn diese Freundin, so sei sie sich sicher, würde nur Energie absaugen wollen und mich ausnutzen, weil ich doch so ein netter Kerl bin. Ich solle aupassen.

Diese Gespräche, in denen sie meine Freundin irgendwie so beschmutzte, ohne sie zu kennen, gab es zwei Mal. Jedes Mal bin ich aus dem Gespräch mit einem scheiß Gefühl rausgegangen. Damals dachte ich schon, was für ein grenzüberschreitendes Verhalten das eigentlich ist, was sich auch auf gar keinen Fall mit kulturellen Unterschieden erklären lassen würde, sondern – um so mehr ich darüber nachdenke – alleine nur mit der Möglichkeit, dass meine Mitbewohnerin ein narzistisches Arschloch ist.

Mann, nervig. Am liebsten würde ich sie wieder rauswerfen. Ich hatte das vorher noch nicht so. Und dabei dachte ich, meine vorherige Mitbewohnerin war schlimm. Da verkrafte ich lieber 3 mal am Tag baden und 9 mal Wäsche waschen in der Woche, als mit einer Person zusammen zu leben, mit der einen rein gar nichts verbindet.

Eine weitere Situation hat sich zuletzt ergeben, als ich – wieder einmal prophylaktisch – auf sie zugegangen bin und ihr von der Spinne im Bad erzählte. Das hätte ich der Spinne zuliebe bleiben lassen sollen. Ich habe ihr gesagt, dass diese hier lebenslanges Bleiberecht hat, mit persönlichen Rechten wie das Recht auf Unversehrtheit und freier Wohnungswahl. Es war mir wichtig, dass sie nicht beim Putzen diese Spinne „entfernt“. Wir sprachen darüber und ich machte, glaube ich, ziemlich deutlich, dass ich nicht möchte, dass die Spinne getötet wird. Zwei Tage später war die Spinne nicht mehr da. Ich fragte sie, ob sie etwas über den Verbleib wüsste. Ja, sie hätte sie „weggemacht“, weil sie sie als zu groß empfand. Leute, ich weiß nicht, nennt mich ein wenig eigensinnig, aber das hat mich echt richtig depressiv gemacht. Was bildet dieser Mensch sich ein? Und wenn sie es als respektvoll empfindet, meine Pfannen nicht kaputt zu machen, wenn ich sie darum bitte, dann doch wenigstens, dass sie meinen Wunsch mit der Spinne respektiert, oder nicht? Ich bin extrem bereit sie dafür einfach zu ächten und sie wieder rauszuwerfen, allein wegen dieser Aktion, ich glaube, das mache ich. Was für ein Arschloch.

Das einzige was ich über sie weiß, ist, dass sie in ihrer Heimatstadt noch mit weit über 30 bei ihren Eltern gewohnt hat. Das alleine ist schon creepy. Das andere ist, dass sie in London mit einem Gay-Trans-Typen zusammengewohnt hat, auf den sie gar nicht klagekommen ist, weil der ihr immer seine neuesten sexy (Frauen-)Outfits gezeigt hat. Sie hat ganz schön über den Typen abgerantet und deutlich gemacht, dass sie es weird findet, wenn ein Mann Frauenklamotten trägt. ich habe sie so verstanden, dass sie so ein „Ich habe gar nichts gegen Schwule, aber ey… krank ist das schon, oder?“ Typ ist. Sprachlich ist sie sehr schnell bei einem Urteil. Ich habe schonmal überlegt, ob ich ihr – einfach um ihre Feindlichkeit gegenüber allem, was nicht der Norm entspricht zu provozieren – erzählen sollte, dass ich selbst Männer ficke. Dazu würde ich mir meinen besten Kumpel einladen, wir würden ein Bierchen köpfen und so tun, als hätten wir heißen, lauten, geilen Sex und uns einen dabei ablachen. 🙂 Damit wäre ich sie wahrscheinlich schneller los, als in mir die Aversion gegenüber solchen ignoranten Menschen wachsen zu lassen, bis ich es endlich übers Herz bringe, jemanden in dieser berliner Wohnungssituation wieder auf die Straße zu setzen.

Sie wohnt möbliert mit einer Kündigungsfrist von vier Wochen. (Hier habe ich mich auch breitschlagen lassen. Ursprünglich war die Kündigungsfrist auf zwei Wochen angelegt.)

Und dann ist da noch diese Komponente, dieser Keim, den meine ehemalige Mitbewohnerin in mir gelegt hat: ich habe wieder Angst meine Zahnbürste unbeaufsichtigt im Badezimmer zu lassen und überlege, sie mit in mein Zimmer zu nehmen. … … scheiße. So kann man enttäuscht werden.