Old Pornstar Attitude (OPA)

Nirgendwo ist die Auslegung von Sicherheitsaspekten beliebiger als in der Veranstaltungstechnik. Was man anhand der Rechtslage und der Gesetze als gemeinsames Fundament aka State of the Art bezeichnet, wird zuverlässig durch persönliche Coolnessfilter gejagt und verzerrt. Trotz eines eindeutigen Regelwerkes werden Schutzziele von vielen Akteuren einfach missachtet oder unzureichend ausgelegt. Die Gründe dafür mögen vielseitig sein, aber die unverständlichsten sind solche, die auf Arroganz und falscher Coolness beruhen. Es ist normal, das niemand alles wissen kann und auch, dass es unterschiedliche Auffassungen davon gibt, wie Risiko einzuschätzen ist. Wenn jemand vom Fach aber laissezfaire Entscheidungen trifft, dann ist das nicht immer leicht zu rechtfertigen oder nachzuvollziehen.

Als ein Beispiel möchte ich hier meine letzte Erfahrung aus einer Mehrzweckhalle teilen. Dort war ich für ca. ein halbes Jahr angestellt, bevor ich fluchtartig wieder in den freien Markt gewechselt bin.

Mit Widmung. Für D., T., F., D. und M.

Diesen Text widme ich aber eigentlich allen KollegInnen und ich will ihn nicht als persönlichen Rant falsch verstanden wissen. Er befasst sich mit dem übergeordneten Kernthema der „flexiblen persönlichen Auslegung von Sicherheitsaspekten“ oder anders: „ein Stand der Technik, der unter Coolnesssymptomen leidet“.

Wo in einem kleinen Verein noch das Für und Wider vom Freihalten der Fluchtwege einfühlsam argumentiert werden muss, liegen die Parameter anders bei einer großen Mehrzweckhalle, die Fließbandabfertigung im Tourbetrieb veranstaltet und sich somit in viel eindeutigeren Rechtskonformitäten bewegen muss, als so ein kleiner Verein, in dem (organisations-) Fehler zB auch immer ein viel kleineres Schadensausmaß haben. Personenschäden sind natürlich überall immer tragisch und meistens vermeidbar. Die Maßnahmen, die Personen vor Schäden bewahren sollen, sind in allen Versammlungsstätten gleichermaßen streng zu bewerten, finde ich. In der Praxis werden aber gerade in kleineren Vereinen, wo Laien beschäftigt sind, auch diese – ich nenne sie universelle Schutzziele – missachtet oder sind gar nicht erst bekannt.

Aus einer fachlichen Perspektive (zB der eines Meisters für VA-Technik) gibt es Grundsätze eines Standes der Technik, die wir einhalten wollen und auch gesetzlich dazu verpflichtet sind. So ist es ein Stand der Technik, dass zB Arbeitsmittel nur bestimmungsgemäß verwendet werden, also für den Zweck, für den sie konzipiert wurden. Die Einschätzung darüber, was bestimmungsgemäß ist, trifft der Hersteller.

Ein weiterer Grundsatz ist auch: verlasse ich ein bereits definiertes Schutzziel (zB aus dem Arbeitsschutzgesetz), muss ich für eine Ersatzmaßnahme sorgen, um das gleiche Schutzpotential zu erreichen. Dieses muss ich nachweisen können. Ich führe hier das gute alte Beispiel der elektrischen Sicherheit an, welches in vielen auch noch so großen Buden leider immer wieder viel zu kurz kommt, trotz dem, dass es eigentlich ein universelles Schutzziel ist und sehr sehr eindeutig definiert ist.

Und genau dieses „wir müssen das nicht so machen, wir können das machen wie wir wollen, wenn wir“-Möglichkeit, die uns der Gesetzgeber einräumt, sorgt stets für eine tagesformabhängige Auslegung der Schutzziele bei den Verantwortlichen.

Als ich dort also in dieser Mehrzweckhalle anfing, waren wirklich alle sehr zuvorkommend und vor allem aus den anderen Abteilungen ist mir aufrichtige Freundlichkeit entgegengebracht worden. Ich habe aber schnell gemerkt, dass der selbstgesteckte Grundsatz, keine Frage sei jemals falsch, nicht wirklich konsequent gelebt wird.

Szenario #1:

Ich frage den Dienstältesten, ob er aus seinem Empfinden heraus einschreiten würde, wenn Rigger im Dach sind aber auf den unteren Arbeitsplätzen niemand PSA trägt. Dieser antwortet, der VfV der Produktion hätte ja eine Pflichtenabgrenzung und Belehrung von uns als Betreiber erhalten und unterzeichnet. Frage ich aber am nächsten Tag einen anderen Kollegen oder eine Kollegin, dann bekomme ich eine vollständig andere Aussage, nämlich, dass man in so einer Situation natürlich darauf hinweisen müsse.

Also ist in dem Szanrio die Auslegung der Schutzziele sehr beliebig und es herrscht bei den KollegInnen Uneinigkeit. Nach dem Motto: fragst Du drei Leute, kriegst Du drei verschiedene Antworten. Nicht mehr nachvollziehbar wird es dann, wenn bei der gleichen Person die Haltung variabel ist. Ich nenne das dann tageaktuelles ernstnehmen von Schutzzielen (oder auch nicht).

Szenario #2:

Als neuer VfV laufe ich mit dem dienstältesten Kollegen mit. Ich nenne ihn der Einfachheit halber OPA. Old Pornstar Attitüde. Challenge: eine 1,4 m hohe Fluchttreppe aus mehreren Teilen soll für die Bühne vorbereitet werden. Der Bühnentechniker bekommt von OPA die Anweisung, die einzelnen Treppenteile mit Gaffertape zu fixieren. Ich cringe, und mische mich ein, es wäre besser, die Teile mit einer Ratsche zu fixieren. OPA ist darüber angepisst, weil ich in seinen Wirkungsbereich reinregiere. Teamplay: 0.

Szenario #3:

OPA ruft über Funk Veranstaltungstechniker wegen einer dringenden Harvarie ins Büro. Diese kommen angerannt und stellen außer Atem fest, dass er sich nur mal kurz über die Kollegen lustig machen wollte, es sei keine Harvarie, nur die analoge Wanduhr würde nicht mehr funktionieren.

Das zeugt natürlich von ausgesprochen guten Führungsqualitäten, die der OPA innerhalb seiner langjährigen Tätigkeit dort entwickelt hat, seine Untergebenen so vorzuführen. Vielleicht wollte er aber auch nur spielerisch für die neuen Kollegen einmal klarmachen, dass er ein witziger Babo ist.

Szenario #4:

Ich laufe mit einem anderen Kollegen mit. Es gibt eine frühe Sportveranstaltung. Die Show geht los, nach zwei Minuten habe ich belegte Ohren. Die Tonanlage ist nicht gelimited und ballert viel zu laut, definitiv gesundheitsschädlich.

Szenario #5:

Diesmal laufe ich mit einer Kollegin mit. Während der gesamten Veranstaltung steht diese am FOH, weil sie dem Programm folgen möchte. Sie ist die aufsichtführende Person, nimmt aber weder am Funkverkehr teil, noch macht sie notwendige Runden, zB um die Catereraction im Zufahrtstunnel zu überwachen, oder wenigstens mal Stichprobenartig zu überprüfen. Ich habe sie dann am FOH aufsuchen müssen, um ihr mitzuteilen, dass Sprinter die Krankenwagenzufahrt blockieren. Ich mache das ja gerne und das ist für mich ein gutes Teamplay. Ich bin mitgelaufen, also kann ich auch die Aufsicht (mit)übernehmen.

Szenario #6:

Alle Produktionen im Haus stellen ihre USVen direkt im Zuschauerbereich unter der Tribüne ab, keiner der VfV vom Betreiber hat damit größere Bauchschmerzen. Da stehen dann also auch mal 2-3 120A Unterverteilungen rum. Also potentiell elektrische Geräte, die intensiv abrauchen, wenn sie fehlerhaft sind oder kurzschließen. Meine Frage, warum diese da im unmittelbaren Einwirkbereich auf Gäste stehen und nicht im dafür baulich vorgesehenen separaten Brandabschnittsraum, ist anscheinend nicht so gut angekommen. Die einen antworteten, die müssten da eigentlich weg, die anderen, was soll schon passieren. Aber alle sagen: tja, is halt so.

Szenario #7:

Mein erstes „eigenes“ Projekt war die jährliche Firmenfeier des Unternehmens, bei dem ich auch genauso frei Schutzziele definieren und voraussetzen konnte, wie die andern Kollegen. Es ist anscheinend hier auch nicht so gut angekommen, dass ich der beauftragten Rentalfirma die Vorgabe machte, alle leitenden Teile, an denen elektrische Betriebsmittel hängen, mit einem Potentialausgleich zu verbinden.

Es wurde sich anschließend in meinen Mailverkehr eingemischt und Vorgaben wurden negiert oder zurückgenommen, die ich vorher kommuniziert hatte. Man saß ja nur zwei Meter auseinander, da hätte man dann ja zuallererst einmal mit mir reden können, bevor man sich, ohne mich zu fragen, in meine Kommunikation einmischt.

Der OPA kritisierte, dass ich von der Company eine Plattformkarte verlangt habe, obwohl hier ein Staplerschein gemeint hätte sein sollen. Das war eindeutig Mumpitz meinerseits. Aber auch das sagt sehr viel über das „Team“ aus, welches eigentlich keines ist. Denn einerseits wirst Du als Neuer Kollege ermuntert, jederzeit jede Frage zu stellen, es gäbe keine „dummen Fragen“, andererseits aber dann nach Wochen dem neuen Kollegen aufs Brot zu schmieren, dass er zwei Dinge verwechselt hat, mit denen er in der Vergangenheit nicht sehr viel Berührung hatte.

Ein Team besteht aus mehreren Augenpaaren, die zusammen besser gucken können, als einer allein. Wenn die einzelnen Teammitglieder aber in einer Art Konkurrenzverhältnis stehen, dann verhindert das ein gesundes Miteinander. In so einer Atmosphäre verhindert das Austausch, der mMn wichtig für eine fachliche Auseinandersetzung ist. Und auch Vertrauen geht dadurch schnell verloren, welches gerade wir VfV untereinander entwickeln sollten.

So verdichteten sich dann alle schwelenden Zwistigkeiten über die Zeit. Befeuert von weiteren Situationen, in denen OPA anderen über den Mund fuhr, ihnen harsch das Reden verbat. Die Old Pornstar Attitüde in seiner schönsten Ausprägung.

Nochmal, es geht hier nicht um das Bashing von Personen, sondern um das Bashing eines Mindsets. Unter anderen Umständen wären die o.g. Szenarien auch keinesfalls schlimm gewesen. Ich beschreibe sie aber deshalb, weil ich für eine Sache kritisiert werde, die die anderen Kollegen in höherem Maße selbst bringen: fehlender Fokus, teilweise unzureichendes Risikobewusstsein und charakterliche Nichteignung für die Rolle als VfV.

Long-Story short: 09:35, im besagten Büro, zwei Wochen vor Ende der Probezeit.
Mr. Old-Pornstar-Attitüde eröffnete mir unter voll versammelter Mannschaft, dass er mich für einen „besserwisserischen Korinthenkacker“ hält und denkt, dass ich nicht ins Team passen würde. Er sprach in der dritten Person demnach auch für die anderen Anwesenden, die ihrerseits nicht dazu reagierten. Nachträglich schon irgendwie lustig, in Anbetracht der natürlichen persönlichen und fachlichen Unzulänglichkeiten aller Anwesenden. Es folgte ein wilder Wortwechsel und mein anschließender Monolog in dem ich meinen Frust über diese langweilige Arbeitsstelle los wurde, auf der ich nichtmal die Berechtigung hatte auf Laufwerke zuzugreifen, weil die IT es einfach ein halbes Jahr nicht hinbekam. Eine Arbeitsstelle, zu der ich einfach nur deswegen ging, weil mich ein Vertrag dazu verpflichtete, ich ansonsten aber nur Däumchen drehte.

Ich lief nach diesem erzwungenen und unangekündigten, unprofesionellen Mitarbeitergespräch aufgeregt zur Chefin und platze heraus, dass ich innerhalb der Probezeit kündigen würde und heulte dort etwas rum. So richtig verständnisvoll war sie dann aber nicht und ich hätte es besser sein gelassen – wenn ich weiter hätte da bleiben wollen.

Ich verfasste eine Kündigung, die ich ins nächste angesetzte Gespräch mitnehmen wollte.

In diesem „klärenden Gespräch“ mit der Chefin und dem TL, erfuhr ich, dass die anderen Kollegen alle schon mit einem Feedback zu ihr gekommen waren, wie sie die Zusammenarbeit mit mir fanden und mich einschätzten. Keiner von denen kam vorher mal auf mich zu, um ihre Beobachtung oder Meinung mal mit mir persönlich zu besprechen. Sie selbst äußerte ihre Bedenken, was meine Zukunft in der Firma anging. Ich sagte, dass wir das alles abkürzen können, denn ich wollte da ganz dringend weg. Sie gab mir dann noch ihre „Beobachtung“ mit auf den Weg: Ich würde den Fokus falsch setzen. Sie meint wahrscheinlich den Fokus auf sichere Begehbarkeit von Treppenstufen nach der Einhaltung der ehemals BGV C1, zu der wir uns alle per Pflichtenübertragung in der täglichen Praxis verpflichtet haben.

Oder wie den Fokus den der Sportkollege hatte, dem es völlig scheißegal war, ob bei seiner Veranstaltung einem nach zwei Minuten schon die Ohren klingeln.

Oder die Auffassung im Team, was Aufsicht und Delegationspflicht eigentlich bedeuten, was komplett indviduell und unterschiedlich gehandhabt wird, je nachdem, wer gerade Dienst hat, ganz nach dem oben beschrieben Gusto. Man muss nur genau hinschauen und findet immer Unzulänglichkeiten, bei allen.

Liebe Chefin, danke aber für diese Einschätzung. Wenn ich viele Fragen stelle, dann nicht, weil ich nicht wüsste wie es geht, sondern weil ich mich auf die gelebte Praxis einstellen möchte, auch um nicht anzuecken, weil ich der Neue bin. Viele Fragen fragen ist eine Kompatibilitätsmaßnahme, ein Calmingsignal und darf nicht mit etwas anderem verwechselt werden. Wenn Du also nun der Meinung bist, ich würde aufgrund meiner Fragen oder aufgrund der Einschätzung eines doppelmoralischen toxic OPAs nicht ins Team passen, dann sagt das mehr über das Mindset in euerem Team aus, als über mich.

Nicht falsch verstehen, eine Probezeit ist dafür da, dass man sich beschnuppert. Und es ist völlig ok, wenn man sich nicht riechen kann. Aber einem Kollegen dann die Einschätzung mitzugeben, dass er ungeignet für den Job sei, oder sogar ungeeignet für einen Krisenstab, bei der Beurteilung von Maßnahmen für die Besuchersicherheit, wenn er doch höhere Schutzziele ansetzt, als die bisher gelebte Praxis der anderen Kollegen, verstehe ich das nicht und nehme das auch nicht ernst.

Und diese Abneigung ist ganz die meine: Leute mit so einer Attitüde können nicht mein Team sein. In so einer Firma möchte ich gar nicht ein Drittel meiner Lebenszeit verbringen. Und dafür, dass ich die Unternehmerpflichten hins. Veranstaltungssicherheit und dem Arbeitsschutz eigenverantwortlich wahrnehmen soll und dafür genau so viel verdiene wie ein Beleuchter in der Deutschen Oper, bin ich lieber wieder mein eigener Chef. Da verdiene ich drei Mal so viel, mindestens aber das Doppelte. Da helfen dann auch keine Nüsse und keine Rohrperle mit Sprudel in der Küche, oder erzwungene tägliche Sitins zum Mittag, bei denen gerne über andere Kollegen gelästert wird. Hach, Menschen und Küchen!

Die Old Pornstar-Attitüde wird nicht ausschließlich nur von Männern gelebt, sondern auch von Frauen mit Macht (OMA). Irgendwann haben wir das alle mal gelernt. Es geht zu 20% um fachliche Eignung oder Deine bekackte Qualifikation, aber zu 80% darum, nicht anzuecken, den Machtbereich der anderen nicht zu betreten, sich aber gefallen zu lassen, dass Dein eigener betreten wird. Genau das bedeutet angestellt sein. Freundlichkeit wird als Schwäche gehandelt und falsche Freundlichkeit als Professionalität verkauft.

Ich werde übrigens jetzt umschulen und bin in naher Zukunft Fachkraft für Arbeitssicherheit. Grüße an F, ich machs besser als Du, garantiert! Dann komme ich vorbei und Du erzählst mir nochmal, dass ein Meister immer auch einen Ausbilderschein hat. Mensch, das hab ich gar nicht gewusst. Da habe ich während meiner Meisterausbildung ja anscheinend den Fokus verloren.

Auf die Pornoindustrie, auf OMA und OPA! <3