Mein Leben im Off II
Ich diskutiere häufig mit Menschen, die vollumfänglich am Onlineleben teilnehmen, ohne sich weiter Gedanken zu machen, in welchem Medium sie sich eigentlich bewegen. Und um so mehr ich das mache, um so mehr beneide ich diese Menschen. Wie schön müsste es sein, wenn man zB einfach ein Carsharing Auto mieten könnte, weil man mal eben eine Kommode aus Charlottenburg abholen möchte? Oder sich ein Ticket für eine ICE-Fahrt ins Saarland buchen will? Oder eine Dating-App benutzt? Oder, oder, oder!
Die Angebote und Dienstleistungen im „modernen“ Internet sind vielfältig und sie gedankenlos nutzen zu können, wäre ein schöner und wichtiger Teil der Lebensqualität. Sich einer menschenverachtenden Verwertungslogik zu entziehen, für die gefühlt 99,9 % der Dienstleistungen im Internet gemacht sind, ist mir dann aber bei genauerem Hinsehen die bessere Lebensqualität und ich bin dann doch wieder ganz froh, am modernen Netz nicht teilzunehmen.
Sicher hast Du auch schon die Erfahrung gemacht, dass man für jeden Dienst im Netz neuerdings eine Telefonnummer benötigt? Das wird dann stets mit der Sicherheit des Kontos der App kommuniziert und damit, dass sie es für Dich tun. Für Deine gleichbleibend tolle Erfahrung bei der Nutzung des Angebots. Sie verkaufen Überwachung als Qualitätssicherung. Für eine gute 2FA benötige ich eigentlich keine Telefonnummer, sondern das geht auch zB über eine Authentificator-App. Aber so eine Telefonnummer ist die beste verfügbare ID eines Menschen, wenn man ehrlich ist. Sie ist omnipräsent, hat ein Interesse daran veröffentlicht zu sein und die meisten haben davon genau nur eine.
Wenn man mit Laien über Privatsphäre spricht, kommen schnell so einmal aufgeschnappte und unreflektiert wiederholte Phrasen, wie zB, dass man ja nichts zu verbergen hätte. Oder das eigene Leben nicht von Interesse für irgendjemanden sein dürfte.
Diese Argumente halten sich extrem lange und sind sehr zäh zu diskutieren. Doch wenn man einmal an den Punkt kommt, dass man das analoge Leben als den Maßstab nimmt, um das digitale zu bewerten, dann werden Dinge und Zusammenhänge schnell klar.
Stell Dir vor, Du sitzt in einem Wintergarten, es ist gemütlich warm, Du hast frei, sitzt dort in Unterhose, befriedigst Dich irgenwann selbst, ißt Fastfood, dessen Soße Dir auf Deinen nakten Bauch tropft, kratzt Dich am Loch, popelst, knabbelst Dir die Hornhaut von der Ferse und machst alle Dinge als Mensch, von denen Du gerne hättest, dass sie wirklich niemand mitbekommt. Es ist in der analogen Welt ein Raum, dessen Fenster Vorhänge hat und draußen niemand ist, der reinschaut. Hier hast Du Deine Privatsphäre.
Jetzt sind vor den Fenstern Deines online Wintergartens aber gleich mehrere Menschen. Sagen wir, da pressen zweihundert Menschen ihre neugierigen Gesichter an die Fensterscheiben, drängeln sich gegenseitig immer wieder weg um die beste Sicht zu ergattern. Einige von denen haben noch sowas wie ein Fernglas um ganz genau hinzuschauen und einige halten eine Videokamera in der Hand. Sie alle interessieren sich gar nicht so sehr für Dich persönlich, sondern nur für das was in Deinem Wintergarten steht, was Du tust, wie Du es tust und wann Du es tust.
In dieser Situation würdest Du in der analogen Welt sehr sehr wahrscheinlich die Polizei rufen. Fremde Leute auf Deinem Grundstück, die in Dich bespannen. Du würdest wahrscheinlich wünschen, dass diese Leute dort verschwinden. Ganz natürlich. Und Du würdest diese Leute auch garantiert verklagen, wenn sie die Erkenntnisse über Dich und Deinen Wintergarten verkaufen würden. Du würdest Dir vielleicht sagen, sie bespannen mich, und verdienen damit auch noch Geld? Das ist illegal!
Das ist eine schöne Analogie auf die Netzwelt. Nur, dass Dich online nicht zweihundert Menschen bespannen, sondern zweitausend oder weit mehr. Über zweitausend Gesichter, die in JEDE Öffnung Deines Hauses, Deines Autos oder Hotelzimmers schauen, nicht nur in den Wintergarten. Und das zu jedem Zeitpunkt, rund um die Uhr, 24/7. Deine Privatsphäre ist online nicht existent.
Ich frage mich, was macht das mit einem Menschen der unbedarft und unbekümmert am Onlineleben teilnimmt, sich jede App zieht, jedes Angebot wahrnimmt und überall mitmacht, wenn er sich diese zutreffende Analogie vergegenwärtigt? Kann man das dann noch genießen?
Und trotzdem hält sich das Argument hartnäckig, dass man doch ziemlich uninteressant sein dürfte, mit dem was man tut. Nun, diese Rechtfertigung, trotz dieser illegalen Handlungen von BigTech und all seiner kleinen Putzerfische, online überall mitzumachen, greift leider viel zu kurz. Es geht für Datenhändler nicht darum, ob die Handlungen die Du in Deinem Wintergarten vollziehst interessant sind, oder nicht. Sie müssen plausibel sein. Es ist von alleinigem Interesse, dass eindeutig ist, wo sich Dein Wintergarten befindet und dass Du eine echte Person bist. Ansonsten wären die Datensätze nicht wertvoll genug.
Die Werbeindustrie hatte ziemlich ungestört die letzten Jahrzehnte Zeit, sich eine komplette Infrastruktur zur Verwertung und Monetarisierung von Metadaten über Menschen/UserInnen aufzubauen, inklusive einer ziemlich detaillierten Kategorisierung. In dieser Verwertungsstruktur ist Relevanz die Währung. Wenn ich in einem Datensatz zu einem Account oder einer nutzenden Person eindeutige und sichere Werte habe, zB eine Telefonnummer oder eine Adresse, Bankdaten, dann ist dieser gleich um so viel mehr Wert, als hätte ich nur einen Browserfingerprint oder eine Mailadresse. Daten aus der analogen Welt sind wesentlich interessanter für Tech-Bros, als der Rest, den man abgreifen kann.
kleinanzeigen.de kooperiert mit ca. 1200 Partnerfirmen. Bei der Nutzung des Dienstes stimmst Du diesem massiven Ausverkauf unserer Metadaten und Nutzungsdaten tagtäglich zu. Jede (!) App, um ein Carsharing Angebot zu nutzen, verlangt die App über den Google-Play-Store oder den Apple Store zu beziehen. Alternativen wie Apps aus dem Fdroid-Store sind einfach nirgendwo abgebildet. Für die Registrierung benötige ich eine Telefonnummer, Mailadresse, Bankdaten, Wohnadresse, Führerscheinkopie. Und Miles.de kooperiert, ähnlich wie kleinanzeigen mit 12 Kernanbietern, deren Hauptgeschäft es ist, Meta- und Nutzungsdaten in schön kategorisierten Profilen zu verhhökern. Kumuliert wären das dann wahrscheinlich hunderte Firmen. Miles behält sich ausdrücklich vor, Daten an Dritte zu verkaufen und erhebt so Insights wie Bremsintensität, Kurvenverhalten, Geschwindigkeit, Ziel, Start. Da sitzen mit Dir gleich hunderte neugierige Verbrecher hinterm Steuer, die Dich wegen Deiner Daten nötigen. Diese Leute hätten dafür ernsthaft so richtig eine in die Fresse verdient.

Vielleicht ist es gar nicht Desinteresse, sondern die schiere Überforderung der betroffenen Opfer. Also Du und ich. Es wird Zeit, dass sich diese Problematiken in einer scharfen Gesetzgebung wiederspiegeln, nicht nur in einer DSGVO, die es Unternehmen in ihrem „berechtigten“ Interesse gestattet, alle Menschen gleichzeitig zu missbrauchen. Ok, vielleicht ist es doch wirklich nur Desinteresse. Völlige Ignoranz. Du denkst, meine Wortwahl ist nicht passend?
Du bist naiv. <3
