Kackmenschen im SUV-Cafe-Racer

So wie sich gutsituierte fettgewordene Wichser in ihren 50ern eine fette BMW-Touren-Enduro leisten, genau einmal damit fett nach Polen fahren, um dann fortan nur noch die 2 km zu ihrem fetten Bäcker zurückzulegen, gilt der überdimensionierte Panzer-SUV als das neue Statussymbol für Neureiche oder solche, die sich gerne als rich ausgeben. Naja, ich erzähle keine neue Story, wenn ich davon spreche, dass Menschen mit unterdimensioniertem Selbstwertgefühl sich KFZ als Statussymbol aussuchen.

Man kann der Umverteilung von Wohlstand zuschauen, nämlich genau ab dem Zeitpunkt, wo jemand zu etwas Wohlstand gelangt ist. Und damit das auch alle mitbekommen, müssen Dinge angeschafft werden, die zeigen, dass man ein richtiger Babo geworden ist und alle anderen nur die Chabos sind, die jetzt für einen auf den Strich gehen1. Soweit wäre das ja noch zu verkraften, wenn die Wichser, die zu Wohlstand gelangt sind, sich nicht wie Wichser verhalten würden. Nein, eigentlich ist das gar nicht zu verkraften.

Ich habe mich heute dazu entschieden, mal ausnahmsweise einen Kaffee zu kaufen. In einem fancy Laden am Boxhagener Platz in Berlin. Ich habe mich überwunden, trotz der Fancyness und weirden Gäste vor dem Laden. Ich stehe da so mit meinem ollen abgeranzten Fahrrad in meinen billig Klamotten, die ich schon seit mindestens 10 Jahren trage, da streift mich plötzlich so ein fetter Panzer-USV am Rucksack. Der Fahrer rollt seinen Panzer langsam in die Auffahrt, in der absolutes Halteverbot gilt. Ich war fast dabei an seine Fensterscheibe zu klopfen und ihn anzumaulen, was der Move soll. Er fährt soweit, dass er knapp nicht den schmalen Fußweg blockiert. Dann bleibt der Wichser sitzen und bedient fünf Minuten lang sein Handy, während der Motor die Hälfte der Zeit läuft. Er zieht sich seine Kapuze über und steigt aus. Ich kann die Art seines Habitus und Attitüde gar nicht richtig beschreiben. Kennt ihr O-Dog, von Manace II Society? Die Art zu gehen, die ausdrückt, dass man absolut drauf scheißt? Auf was auch immer, aber man scheißt drauf? So stieg dieser Typ aus, und ging im O-Dog-Style an den Gästen vorbei in Richtung Ladentür. Die zwei Mitarbeitenden veränderten sofort ihre Haltung zu „Achtung! Der Scheff ist da.“ Chabos wissen halt, wer der Babo ist.

Er drückte zwei Hände, die ihm hingehalten wurden und ging dann an den Menschen vorbei in seinen Laden. Ich betrachtete meinen Kaffe im Pappbecher und dachte mir, dass ein Teil des Geldes, welches aus meiner Tasche in seine Kasse gewandert war, diesen fetten SUV finanziert hat, der gerade hinter mir stand.

Vielleicht wohnte er früher mal in XBerg in einer normal überteuerten 3er WG im Altbau. Dann, mit der Zeit, „verbesserte“ sich seine finanzielle Situation und er zog nach Charlottenburg, da wo die Höhe der Miete keine Rolle mehr spielt. Dann wurde sie vielleicht so gut, dass er nie wieder Öffis fuhr und sich das erste Mal nach außen sichtbare Statussymbole anschaffte, wie zB ein neues Auto. Dann lief der Laden so gut, dass er schließlich nur noch in Designer-Schlafanzügen in seiner „Ich-scheiße-auf-Dich“-Attitüde durch die Gegend stolzierte.

Und dann fing meine Laune an sich zu verdunkeln und ich dachte darüber nach, dass genau das der wesentliche Teil des Versprechens ist, der im „Auch Du kannst es schaffen“ steckt. Du kannst es schaffen, wenn Du nur Dein Ziel verfolgst, bla bla. Du schaffst es, wenn Du nur hart genug arbeitest.

Du kannst es schaffen, bedeutet, dass es vermeintlich möglich ist, irgendwann einen Punkt zu erreichen, an dem Du von anderen vollkommen unabhängig bist. Oder in anderen Worten: komplett auf andere scheißen kannst. Weil dann hast Du es nämlich geschafft, hast den Traum verwirklicht, den alle in ihrer riesengroßen Psychose verwirklichen wollen. Money, Money, Rich! Dann bist Du done. Und wenn Du ganz viel Glück gehabt hast, dann bist Du soweit oben, dass von nirgendwo mehr Scheiße auf Dich herunterfällt, die andere nach unten werfen.

Dann nämlich macht es am meisten Spaß, sich am frühen Nachmittag, gleich nach dem Aufstehen, in den abbezahlten BMV-SUV zu setzen, 8 km zu Deinem Laden zu fahren, Dich dort ins Halteverbot zu stellen, auszusteigen und stolz im Designer-Outfit in den Laden zu schlendern, hofiert von Deinen Mitarbeitenden, denen Du ihr Deutschland-Ticket wenigstens mitfinanzierst, respektiert von Deinen Gästen. Der fairgetradete Latte-Machiato-Hochland-Kaffee steht schon fertig auf Deinem angestammten Platz. Du hast es geschafft!

Ich sage euch ganz ehrlich, wäre der Wohlstand, der sich ALLEIN aus der Tatsache ergeben hat, dass so Schmocks wie ich dort einen Kaffee kaufen, gerecht verteilt, käme der Typ vielleicht in Casual-C&A Klamotten auf seinem alten rostigen Damenfahrrad gleich morgens schon in verschwitztem Shirt angeradelt, um seine Schicht zu beginnen, weil ihn von seinen Mitarbeitenden nichts unterscheiden würde. Nicht die Kohle, nicht der SUV, nicht die Klamotten, nicht das Privileg nicht mehr arbeiten zu müssen, nicht das fette Haus in Hohenschönhausen. Ein gemeinwohlorientert geführtes Unternehmen, in dem er das gleiche bekommt, wie alle anderen. Statussymbole brauchte es nicht mehr, weil „es geschafft“ zu haben nicht mehr bedeutet, nun in der Lage zu sein, auf alle anderen zu scheißen und immer mehr zu wollen und seiner eigenen Gier freien Lauf zu lassen, sondern nur einem Unternehmen anzugehören, welches sich selbst trägt, genug für seine Mitwirkenden abwirft und welches von den Menschen, die seine Produkte kaufen, finanziert wurde und denen es somit für immer gewidmet bleibt.

Es „zu schaffen“ bedeutet in unserer Gesellschaft auf Kosten von anderen Menschen zu Wohlstand zu gelangen. Als „dumm“ gilt man, wenn man so eine Art Wohlstand erwirtschaften könnte, es aber nicht macht. Man muss sich nicht erst das unfassbar komplizierte weltweite Finanzsystem anschauen, um zu erkennen, dass es falsch läuft, wenn es schon grundsätzlich im Kleinen, beim Kaffeeladen von nebenan, falsch läuft. Oder beim Bäcker, beim Konzertticketanbieter, bei der Mehrzweckhalle oder im kleinen Off-Kino.

Ja, aber Du! Ist es nicht auch ok, wenn sich jemand ein Traum von seinem selbst erwirtschafteten Geld erfüllt, und wenn es ein Sportwagen ist? Oder ein schönes Haus?

Die Frage ist schonmal scheiße, weil die grundsätzlichen Annahmen falsch sind. Andere für sich arbeiten zu lassen, ist nicht selbst erwirtschaften. Und sich selbst Träume zu erfüllen, die unsere Umwelt zerstören und auf endlichen Ressourcen basieren, ist keine Freiheit, sondern Ignoranz. Eben genau dieses „ich scheiße drauf“ meint eigentlich, ich scheiße auf Dich und alle anderen. Der O-Dog-Style!

Zu viel Geld wirkt abführend. Und die Wiener-Kot-Melange läuft dann immer nach unten.

Es ist nicht Deine Freiheit, auf Kosten anderer Kohle zu machen. Und im Falle eines Kaffeeladens fängt das schonmal beim Wesentlichen an: beim Kaffee. In unserem global exisiterenden Kapitalismus sind die Verhältnisse durch Geopolitik, Wirtschaftskriege, Interessen von multinationalen Konzernen, die sich staatliche Infrastruktur unter den Nagel reißen, soweit aus den Fugen geraten, dass sich von einem fairen Handel mit zB Kaffee gar nicht mehr reden lässt. Und sich dann als Laden einen Button an die Scheibe zu kleben, auf dem steht, dass der Kaffee fair getradet wird (und natürlich deswegen 8,00 Euro kosten soll, für die gute Sache), ist so, wie nur 20 % eines steuerfinanzierten Tankrabattes an Kunden abzugeben, aber den Rest für sich zu behalten. Aber Hauptsache Du selbst willst nochmal eben kurz einen Latte zum mitnehmen holen, bevor Du Dir überteuerte, aus Wohnungsauflösungen von toten Menschen herausrestaurierte Antiquitäten auf dem RAW-Gelände aussuchen gehst, die Du für Deine neue Wohnung im Prenzlberg so dringend brauchst, weil man will sich ja verbessern will, rein wohnlich jetzt. Da radelst Du dann mit Deinem fancy 5k New-World-Order eBike hin, in Deinen Gucci, Prada, Boss, Tommy Hillficker-Unterhosen und guckst nochmal eben auf Dein neues Pixel 10, ob Du es auch rechtzeitig schaffst. Du lebst Deinen Berlin-Traum.

Ich hasse Dich so unfassbar krass, mit Deinen Kack-Lattes, Kack-eBikes, Retro-Kackklamotten vom Kack-Boxiflohmarkt aus Kack-Friedrichshain, Du dummer Kackmensch. Komm, mach mich reich, damit ich wie ein Hund auf Dich scheißen kann!

  1. Auf den Strich gehen = einer sozialversicherungpflichtigen Arbeit nachgehen. ↩︎