Immer mehr, länger und noch besser qualifiziert

Mit dem Ablauf von 2025 schaue ich insgesamt auf einen nunmehr 24 jährigen Werdegang als Freelancer in der Veranstaltungsbranche zurück. Das sagt erstmal gar nicht viel aus, außer vielleicht dass ich ziemlich doof bin, weil ich nicht irgendwann den Absprung in einen langweiligen aber dafür sehr gut bezahlten sicheren Bürojob geschafft habe.

Zuletzt saß ich gemütlich mit Kollegen zusammen und wir haben die Pre-Pandemie revue passieren lassen. Jemand sagte: „Also, ich muss schon sagen, die Firmen haben sich seit Corona echt verbessert und sind viel viel fairer geworden. Früher war das nicht so!“

Ich habe selten so etwas gutgläubiges von einem Mitgeschädigten gehört. Aber ja, es stimmt, die Firmen zahlen den Freelancern einen höheren Tagessatz.

Wo es noch direkt vor Corona ~ 250€ waren, sind es jetzt über 400€. Und auch ja, auf einigen Jobs ist man bei einem 10-Stunden-Tag auch viel häufiger im Catering eingeplant und muss nicht die guten „Ja!“-Frikadellen fressen, während Dein Kunde vor Deinen Augen das Honig-Vinaigrette-Kalbsbraten-Filet serviert bekommt. Das ist eine gute Entwicklung, die auch die Menschen berücksichtigt, ohne die der Kunde auf einen leeren LED-Screen schauen würde.

Meine Meinung ist, dass sich zu Vor-Pandemie-Zeiten nicht wesentlich etwas geändert hat. Das die Freelancer KollegInnen jetzt einen höheren Tagessatz bekommen, hat allein damit zu tun, dass man nach Monaten im Lockdown einfach niemanden mehr gefunden hat, der für Dumpingkurse arbeiten wollte.

Als wir nach den Lockdowns in einem Pool mit ca. 80 Leuten einen Job angefragt hatten, der für 10 Stunden nur 250,00€ anbietet, hat sich einfach niemand zurück gemeldet.

Die Firmen haben das also nicht entschieden – sondern sie waren dazu gezwungen. Schätzungsweise sind über 30 % der Freelancer in den Jahren abgesprungen und machen nun etwas vollkommen anderes. Genaue Angaben darüber lassen sich leider nicht finden, aber mit Altrusimus hat das nichts zu tun.

„Ja, aber sie haben auch viele vom freien Markt eingestellt!“ – Richtig. Nahles Politik hat die Beschäftigung von Freelancern nämlich plötzlich zu einem finanziellen Risikofaktor werden lassen. Freundlichkeit hat damit auch nichts zu tun.

Und seien wir mal ganz ehrlich: ~ 400€ Tagespauschale für 10 Stunden liegen in der Preiskalkulation nicht sehr wesentlich über dem Mindestlohn.

Hier ist warum:

Zugrundegelegt sind 12 reelle Arbeitstage und ca. 700,00 € Fixkosten im Monat. Dazu musst du Single sein, ohne Kids, in einem 1-Zimmerloch und ohne Mobilität. Darin enthalten sind Miete, Energie und 15 Euro für die Prepaid-Handy-Karte. Bei einem Tagessatz von 350,00 € kommst Du auf ein vergleichbares Bruttogehalt in Höhe des Mindestlohnes.

Letztenendes ist das nur eine Kalkulation, die einem helfen soll, seinen eigenen Tagessatz zu finden. Aber nach dieser – wenn man mit der Kalkulation einverstanden ist – ergibt sich daraus, dass der Vor-Corona-Tagessatz von 250,00€ (in Berlin) an Selbstausbeutung grenzte.

Jetzt argumentiert der Kollege, dass man ja auch mehr arbeiten könnte, wenn die Auftragslage entsprechend gut ist!

Klar, insofern ist man flexibler, das stimmt. Nochmal: dennoch ist der höhere Tagessatz zu Vor-Corona-Zeiten keine Freundlichkeit der Firmen. „Du siehst das alles zu schwarz, lieber Kollege,“ höre ich.

Dazu erzählte ich ihm meine Begegnung mit einer riesigen Pharmabude, die für ihre Veranstaltungen regelmäßig so 20 TechnikerInnen oder mehr beschäftigen. Deine Freunde aus den HR-Büros buchen Dich für 400€ / 10 Stunden und das durchgängig für 7 Tage. Unterm Strich 70 Stunden für 2800,00€, das mal 10 TechnikerInnen.

Dein Kunde, also das HR-Büro der lokalen Technik-Dienstleisterfirma, die Dich bucht, verkauft Deine Arbeitsleistung für 900,00€ / 10 Stunden, für 7 Tage und mal 10 TechnikerInnen. Im Ring stehen also knapp 30k gegen knapp 63k. Für die Unaufmerksamen unter euch: das ist mehr als das Doppelte.

Die Firmen verkaufen also Deine Leistung für das Doppelte an ihre Kunden.

So auch diese riesige Pharmabude. Die Industrie kennt also gar keine niedrigeren Einkaufspreise für TechnikerInnen. Im Agenturwesen würden wir bei solchen „Vermittlungspauschalen“ von Wucher sprechen.

Und wo die Firmen früher 250€ Tagessatz zahlten, holten sie sich von ihren Kunden entsprechend mehr Pauschale zurück. Aus Sicht Deines freundlichen HR-Personalers hat sich also nicht wirklich etwas geändert. Er gibt die höheren Kosten jetzt einfach an seine Kunden weiter. Katsching! Das macht richtig Kohle!

Wie auch woanders sind die Personalkosten ein wesentlicher finanzieller Faktor. Mit Altruismus hat das wirklich alles nichts zu tun.

Die neuen Anforderungen

Wer ein gewiefter HR-Typ ist, verkauft die Tatsache, dass jetzt ein höherer Tagessatz an Dich gezahlt wird so, dass sich daraus auch zwangsläufig mehr Leistung deinerseits ergeben muss. Denn die Auffassung meines Kollegen ist sehr weit verbreitet unter den TechnikerInnen. So weicht allein der höhere Tagessatz manchmal auch fixe Branchenstandards auf. Ich habe Firmen erlebt die argumentieren, dass man sich jetzt auch bei 13 Stunden nicht ans Bein pinkeln sollte. Oder das auch mal über 10 Stunden hinaus einfach umsonst arbeitet.

Nochmal: die Firmen sind nicht eure Freunde. Sie verdienen richtig Geld mit eurer Arbeitsleistung. Kohle, die eigentlich von den Auftragsfirmen für euch gezahlt wird und nicht für einen Vermittler, der ansonsten aber in jeglicher Hinsicht gar keine Verantwortung übernehmen kann – und das auch nicht will.

Als ich vergangenes Jahr auf Musicaltour war, habe ich Kollegen brainstormen hören, dass man zukünftig doch die Anzahl der notwendigen TechnikerInnen für die Shows noch weiter reduzieren könne, nämlich wenn man alles via Timecode realisiert. Auf Cue fahren Licht und Ton selbstständig ab. Um das realisieren zu können, müsste aber die Person am FOH Meister gleich mehrerer verschiedener Fachrichtungen sein, um überhaupt soetwas wie Qualitätssicherung zu haben. Abgesehen davon, dass dadurch die Fehlertoleranz gleich Null wäre, ist das schon ein ziemlich misanthropischer Ansatz, der einer tayloristischen Auffassung von menschlicher Arbeit folgt. Maschinengleich wird das wichtigste Kriterium, Kosten zu minimieren und Effizienz zu steigern.

Heute werden VeranstaltungstechnikerInnen in Stellenausschreibungen gesucht, die eine Personalunion aus den Fachrichtungen Medientechnik, Ton- und Lichttechnik, IT und EDV sein sollen – ach so: und Hausmeisterkenntnisse (Lüftung, Sanitär) wären von Vorteil, aber kein Muss!

Gleichzeitig spart man sich aber Ausbildungsinhalte, wie zB bei der Meisterausbildung, die früher aus einzelnen Fachrichtungen Bühne/Studio, Beleuchtung und Halle bestand. Heute gibt es das nicht mehr.

Somit werden diese Inhalte nicht mehr oder nur in kürzester Zeit vermittelt. Um die Anforderungen an einen sich rapide speziaisierenden Markt zu erfüllen, setzt man auf Selbstlernphasen und autodidaktisch erworbene Vorkenntnisse. Bringste diese nicht mit, tja, dann haste halt Pech! Das spiegelt sich allerdings keinesfalls später im Geldbeutel wieder.

Heute verdienen Meister die zB als BetreibervertreterInnen Schlüsselaufgaben aus den Unternehmerpflichten eigenverantwortlich wahrnehmen sollen genauso viel, wie BeleuchterInnen in der Deutschen Oper in Berlin. Sind aber einem gleichgebliebenen, wenn nicht setig größer werdenden, Druck ausgesetzt zu performen.

Fazit

Also, lieber Kollege, allein die Tatsache, dass die Companies heute einen höheren Tagessatz zahlen, bedeutet nicht automatisch, dass sie Dich und Deine Arbeit mehr wertschätzen. Für sie ist es ein Nullsummenspiel. Mein Tip wäre, da wo es geht, gleich an die Auftragsfirmen und die Industrie mit einem konkreten Angebot heranzutreten, zB in Form einer Initiativbewerbung, und die Vermittlerrolle gänzlich auszuschalten.

Es gibt keinen Grund nicht an zB Berlin Chemie heranzutreten und denen Deine Arbeitsleistung für einen mittleren, aber guten Kurs, anzubieten, wenn Du von einer Vermittlerfirma sowieso ständig für die Veranstaltungen gebucht wirst.

Und lass Dir niemals einreden, solch ein Vorgehen wäre illoyal. Illoyal ist, eine Arbeitskraft zu vermitteln und über 50% ihres Tagessatzes einzubehalten.

Falls das bisher nicht so durchgedrungen ist: Unternehmende sind nicht Deine Freunde, aber Ausnahmen bestätigen auch die Regel! 🙂