Die Sifa 3.0 Ausbildung

Nächste Woche beginnt mein zweiter Praktikumsblock in einem Theater. Und bevor ich das starte, muss ich einfach die Irritationen hier festhalten die für mich und andere während des Seminars aufgeploppt sind und meine Gedanken dazu hier parken, sonst belasten mich diese während der weiteren Ausbildung.

Die Ausbildung zur Sifa (Sicherheitsfachkraft), früher Fasi (Fachkraft für Arbeitssicherheit) hat 2019 eine Neuerung in Struktur und Didaktik bekommen. Jetzt heißt die Ausbildung: Sifa 3.0. Das 3.0 ist dabei dann der Hinweis auf die neue, bessere, reinere Ausbildungsform. Super fancy. Alles was neue Nummern hat ist super fancy. Das beste Beispiel linearen Denkens. Auch Waschmittel wurden mit der neuen Formel immer besser, oder Zahnpaste.

Der Kurs ist inhaltlich und zeitlich von der DGUV (deutsche gesetzliche Unfallversicherungen) vorgegeben und deutschlandweit vereinheitlicht. Wo früher doziert wurde, wird heute begleitet. Er ist – ganz 3.0 fancy – auf Selbstlernphasen (SOL), Präsenzseminare (PSEM), Online-Seminare vorm Rechner (OSEM) und das praktische Praktikum (PRA) aufgeteilt. Das Erlernte wird dann in sog. Lernerfolgskontrollen (LEK) kontrolliert. Da der Kurs im Bereich der „Erwachsenenbildung“ firmiert und alle Akteure nicht müde werden, das zu erwähnen, wird hier sehr stark auf eigeninitiatives Lernen gesetzt. Wie in so einem Studium, in dem man sich das zu Lernende selbst raufschafft.

Wolle Kohle kriegen?

Der Kurs kostet ca. 12.000 € (mein Meisterbrief kostete mich ca. 13k) und in einem Durchlauf kommen so 20 Leute in einer Gruppe zusammen. Der Bildungsträger bei dem man buchen muss (man kann diesen Kurs auch bei der DGUV oder den Berufsgenossenschaften machen) hat also pro Jahr so 3-5 Kurse und verdient dementsprechend richtig Geld. Mein Bildungsträger hat 3 Kurse parallel und verdient damit knapp 750k dieses Jahr. Da ist richtig schmales zu machen. Willst Du Geld machen? Gründe einen Bildungsträger, lasse Dich zertifizieren und bilde Sifas aus! Stelle ein paar LernbegleiterInnen ein und go for it, denn inhaltlich musst Du auch nüscht groß entwickeln, und zeitlich auch nicht, macht alles die DGUV. Alles vorgegeben. Knapp die Hälfte der Teilnehmenden bestreiten die Gebühren durch das Arbeitsamt in einer Wiedereingliederungsmaßnahme.

Als Lernbegleitung kannste Dich komplett zurücklehnen und Dich immer darauf berufen, dass Du ja eigentlich gar nicht richtig dozieren darfst. Also kannste Dir einen schmunzeln und die Leute beim Scheitern begleiteten.

Das Seminar

Als erstes hatten wir einen Online-Seminar (O-SEM). Ganz datenschutzfreundlich über das US-amerikanische Unternehmen Zoom. Das war eigentlich schon die erste Krise für mich. Dort haben wir uns alle kennengelernt. Bereits drei Tage später war das erste P-SEM, also ein Seminar in Präsenz. Da kamen dann aus ganz Deutschland 20 Leute für genau drei Tage nach Berlin geeiert. Inhaltlich vorgegeben, machten wir dann lustige Gruppen-Teambuilding-Einheiten, Rollenspiele, und Flip-Chart Brainstorming-Aktionen, auf die man locker auch hätte verzichten können.

Für den Preis gibts natürlich Kaffee gratis, den eine Praktikantin aufopfernd kocht. Klar. Wir pressten uns mit zwanzig Leuten in einen ca. 30m² großen Raum in parlamentarischer Bestuhlung. 40% der Leute saßen so mindestens 7 Stunden pro Tag mit bis zu 60 ° ungesund verdrehten Hälsen und lauschten den Dozen… äh, den Lernbegleitungen. Dann alle wieder nach Hause und weiter gehts, in die erste SOL, also selbstorganisierte Lerneinheit.

Die Sifa-Lernwelt

An dieser Stelle würde ich gerne Grafiken zeigen, aber schaut einfach selbst. Nachdem Du den Onlinezugang bekommen hast, ist diese Webseite Deine ganz persönliche und EINZIGE Quelle für Informationen. Das kann man sich in etwa so vorstellen, dass man ca. 12.000 Euro irgendwo auf einen Schreibtisch bei der DGUV legt, und von der Person hinter diesem Schreibtisch dann einen USB-Stick ausgehändigt bekommt, auf dem sich ca. 850 PDF-Dateien befinden, die, nach Themen gegliedert, man dann – natürlich selbstorganisiert – lernt. Den Stick kannste auch später behalten.

Ganz ehrlich? Ich war enttäuscht, dass wir nicht alle als Sims in dieser Lernwelt herumlaufen können und zu Hause mit unserer bereitgestellten VR-Brille in Geltanks liegen. /funoff

In dem Maße, wie die Seite die Übersicht dieser „Lernwelt“ als Grafik darstellt, verzichtet sie auf den Unterseiten komplett auf weitere grafische Elemente und hat oldschool hyperlinkbasierte Navigation. Es gibt eine Policy: nach 60 Minuten wird man automatisch abgemeldet. Ich habe per Mail diesen Umstand beim Betreiber der Seite erfragt und die Auskunft bekommen, dass eine manuelle Anpassung oder eine „angemeldet bleiben“ Checkbox aus „Sicherheitsgründen“ nicht erwünscht ist. Oh mann ey.

Gestörter Lernprozess

Somit ist beim Lernen dieser exzessiv teuren Webinhalte mit dem fancy Namen „Wissensbausteine“ dann jeder Lernprozess gestört, wenn Du plötzlich beim Lesen auf die Hauptseite zurückgeworfen wirst, um Dich erneut mit Deinen Zugangsdaten anzumelden. Diese Zugangsdaten sind dann auch so:

Benutzer: MMittermeier
Passwort: 12D4!
(Mindestens 1 Sonderzeichen und ein Großbuchstabe... LOL)

Von wegen der Sicherheit. Ich finde ja, das ist viel zu unsicher; sie hätten das gleiche Schutzniveau wie Banken anwenden müssen: alle 5 Minuten Prüfung auf Aktivität, sonst Abmeldung. Leises lernen, ohne viel Geklicke, raues! Mal eben einen Text aus 1400 Zeichen bis zum Ende lesen, jeht nüsch… Ejal! Wejen der Sicherheit. Lächerlich.

Dann hatten wir das erste richtige O-SEM. Online über Zoom trafen wir dann unsere Lernbegleitungen, die wir bereits teilsweise aus dem P-SEM schon kannten und dann ging es schon los. Was mir am Anfang auffiel war, dass Lernen über Text insofern gut gestaltet war, dass Dinge wirklich zig mal wiederholt wurden. Lernpschologische Erkenntnisse beschreiben, dass Menschen etwa 30 % von dem was sie lesen noch am nächsten Tag wissen. Ich dachte so: cool! Dann begegnet man dem dadurch, dass man bis zum Erbrechen wiederholt.

In den Seminaren ist von den Lernbegleitungen gewünscht, dass man seine Kamera die ganze Zeit angeschaltet hat und auch Bild überträgt. Eine Zumutung und auch garantiert nicht rechtlich koscher. Einige umgehen diese unnötige Vorgabe, dass sie nur ihre Stirn zeigen oder nur die Seite ihres Körpers sehen lassen. Wir behandelten die Fragen nach „Was sind die Aufgaben einer Sifa im Betrieb“ oder „Welche Rollen haben Sifas?“ und welche die rechtlichen Grundlagen bei der Tätigkeit der Sifa sind. Der Einsteig halt.

Dokumente bearbeiteten wir da noch gar nicht. Alles, was wir dazu zB in Gruppen ausarbeiteten, war simple Text oder die von Zoom bereitgestellten Funktionen, wie Dashboards und Karteikarten. Alles superniederschwellig. Zu dem Zeitpunkt dachte ich, das Pacing des Kurses ist ziemlich langatmig und dadurch für mich echt gewöhnungsbedürftig.

Bevor der Kurs losging, habe ich bereits einen Praktikumsvertrag mit dem Theater geschlossen. Bevor ich den Vertrag unterschrieb habe ich mich direkt beim Bildungsträger erkundigt, ob das gewählte Thema so passt und ich den Vertrag abschließen kann. Es kam die Antwort: Ja, super! Das ist ein perfektes Thema, wir freuen uns auf Deine Ausarbeitung!

In der Vorbereitung auf den ersten Praktikumsblock haben wir keinerlei Dokumente als Vorlage bekommen. Die Anforderung war, das gewählte Thema in einer Praktikumsskizze zu dokumentieren. Die nachfolgende Gliederung zeigt 1/1 die Fragen, die in dem Dokument vorkommen sollten. Wesentliches Kriterium war: das Erstellen eines Arbeitssystemerfassungsbogens.

Nur, dass niemand explizit darauf verwiesen hat, dass es um diesen Erfassungsbogen geht oder wie dieser aussehen soll. Da sitzen also 20 Leute im Kurs, die vorher wohl alle noch nie so eine Praktikumsskizze mit einem Arbeitssystemerfassungsbogen ausgearbeitet haben und man stellt ihnen die Aufgabe ihr Praktikumsthema zu skizzieren. Und man zeigt ihnen nicht, wie so ein Erfassungsbogen auszusehen hat? Man verlässt sich darauf, dass die Leute dann einfach die zwei Vorlagen aus der Lernwelt irgendwie kopieren oder adaptieren oder überhaupt erstmal finden? Ok, cool. Das war für mich der tatsächlich erste Anhaltspunkt, dass hier eine fragwürdige Didaktik angwendet wird. Nämlich eine nach dem Grundsatz: „vom Unbekannten zum Unbekannten“.

Erwachsenenbildung

Haben wir in der Lernpädagogik nicht den Grundsatz „vom Bekannten zum Unbekannten“, um der Lernweise des Gehirns Rechnung zu tragen? Das bedeutete an diesem ersten Bespiel:

Erstellen Sie bitte eine Projektskizze. Beschreiben Sie bitte in einem Arbeitssystemerfassungsbogen ihr gewähltes Arbeitssystem. Unter diesem Link finden Sie eine Vorlage/Grafik/Datei, wie ein solcher Erfassungsbogen aussehen sollte. Für die Aufgabe haben Sie X Tage Zeit.

Nach der Ausarbeitung, bei der man ja rein zufällig entdeckt hat, wie so ein Ding auszusehen hat, stellte man uns dann drei Excel-Tabellen vor.

  • Arbeitssystemerfassungsbogen
  • Ermittlung der Gefährdungen
  • Beurteilung der Gefährdungen

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits selbst schon mehrere Versionen von Dokumenten angelegt, die ich für die weitere Ausarbeitung von Inhalten in meinem Praktikum verwenden wollte. In Ermangelung von expliziten Vorgaben ging ich hier also durch einen für mich komplett unnötigen Prozess, bei dem ich Energie verbraten habe, die ich noch woanders hätte gut gebrauchen können. Und das ist auch der wesentliche Nachteil bei einer Didaktik, die vom Unbekannten zum Unbekannten Wissen vermittelt, sie kostet einfach unnötig Energie. Zuerst falsch lernen lässt sich nur mit einem viel größeren Aufwand wieder rückgängig machen, als hätte man Wissen gleich richtig gelernt. Frustrierend.

Im weiteren Verlauf dieses O-SEMS ging das so weiter. Wer auf dieses Format allgemein steht, dem fällt es vielleicht auch leichter. Aber ich hege eine große Aversion gegen diese monoton vorgetragene Wissensvermittlung. Teilweise wird hier ein Text im Bildschirm geteilt, der dann einfach vorgelesen wird. Als ob durch das Vorlesen des Textes Dinge deutlicher werden. Regel Nummer #1 im Präsentieren: lese nicht das vor, was auf dem Bildschirm steht!!! 🙂

Meine zweite große Frustration kam dadurch auf, dass diese drei Vorlagendokumente ziemlich unklar waren. Sie wurden anfänglich so dargestellt, als seien diese Vorlagen der allgemein gültige Standard, mit dem eine Sifa arbeiten sollte. So waren längere Zeit einige aus dem Kurs in diesem Glauben. Und ich dachte nur: oh no, das muss doch irgendwie anders gehen. Mit drei verschiedenen Dokumenten zu arbeiten, die in sich teilweise redundant sind, also in denen Dinge doppelt abgefragt werden, ist doch Käse.

Dann – auch wieder halb durch Zufall – äußerten sich die Lernbegleitungen ausversehen*, dass es diese Dokumente ja nur in dieser Form gibt, damit wir die einzelnen Gedankenschritte getrennt voneinander trainieren können.

Gemeint war: bei der Ermittlung des Arbeitssystems nicht an Gefährdungen zu denken, bei der Ermittlung der Gefährdungen nicht an die Beurteilung dieser und bei der Beurteilung nicht an die notwendigen Maßnahmen und Ziele.

* Sie dürften ja eigentlich nicht „zu viel verraten“!!! WTF!

Ja wunderbar! Wäre ich Lernbegleitung, wären solche Informationen die wesentlichen Merkmale eines Bekannten, von dem weiter aus zum Unbekannten gegangen würde. Man lässt hier also Leute ein System in der Praxis anwenden, in dem man den wesentlichen Zweck dieses Systems nicht von Beginn an erläutert hat? LOL! Da war ich dann schon ziemlich angepisst und musste meine eigene Erwartung gravierend nachjustieren. Zu diesem Zeitpunkt entdeckte ich das Sifa-Board. Ein Forum für Sifas im Netz. Ich suche vor allem nach der Info, ob andere Menschen ähnliche Frustrationen hatten, wie ich. Und siehe da: ja, es gab sie. Zahlreich. 🙂

Ich erinnere mich noch genau, als im Kurs die Frage aufkam, ob wir im Arbeitssystemerfassungsbogen solche Infos mit aufnehmen, ob eine Person dick, dünn, klein, groß ist, oder ob diese Pillen nimmt, die ihre Verkehrstauglichkeit einschränken oder sie deswegen nicht an Maschinen arbeiten darf. Da gab es einen Aufschrei. Nach der vermittelten Logik, in diesem Bogen Dinge aufzunehmen, die später unsere* Bewertungsgrundlage darstellen, machte es für mich Sinn, auch solche Einschränkungen durch Medikamente zu erfassen. Ich wurde fast gesteinigt und aus der Stadt vertrieben. 🙂 Konsens: Medikamente gehen uns nichts an! Ja, aber es geht ja auch nicht um die Medikamente, sondern um die Tauglichk … Ne! Herr XY, Sie müssten nicht denken, Sie seien Arzt. Ach echt? Ich dachte schon, ich fühle mich nämlich gerne manchmal als Arzt. Scheiß auf den Betriebsarzt! ICH BIN ARZT! SifArzt!!!1!!!11!1!!

*Betriebsarzt und Sifa.

Ich dachte mir: jo, ok! Dann ist das eben so. Seitdem frage ich keine Fragen mehr. Durchziehen, schnauze halten und irgendwann kannste eh drauf kacken, weil Du es in Deiner Praxis einfach komplett anders machst oder machen musst, weil Du in einer externen Sifabude arbeitest, in der die Dinge anders gehandhabt werden. Miete für die besetzten Gehirnzellen mit unnützem Wissen bekomme ich eh nicht, dachte ich mir. Neben der 13.000 € PDF-Datei, kriege ich dann verwirrende unklare Situationen. Nichts ist unnütz, nicht? Alles hat seinen Sinn. Die DGUV hat das Lernsystem 10 Jahre lang entwickelt und mit Studien die bessere Lernwirkweise der Form belegt und nachgewiesen.

Die didaktische Begründung der DGUV

Durch „das Konzept des situierten Lernens (Situated Learning), soll eine kompetenzorientierte, handlungs- und erfahrungsbasierte Qualifizierung“ erfolgen können. Ahhhhh! Ne… doch!

„Es geht also darum, nicht nur zu wissen, wie eine Gefährdungsbeurteilung funktioniert, sondern zu verstehen, wann, warum und wie man sie in einer konkreten betrieblichen Situation einsetzt.“ Ok, das klingt ja doch erstmal cool. Und hat dann aber erstmal nüscht damit zu tun, wie die Lernbegleitungen auf diese Situationen vorbereiten, innerhalb ihres eigenen Handlungsrahmens.

Geil finde ich ja, diesen Text: „Lernen wird besonders wirksam, wenn theoretische Erkenntnisse, praktische Erfahrungen und gemeinsame Reflexion miteinander verbunden werden.“ Würde ich so unterschreiben. Reflexion in unserem Kurs, also wenn jemand eine konkrete Frage hat, heißt dann: „Lesen Sie bitte die Wissensbausteine.“ Zuletzt hatten wir eine Situation, in der gleich mehrere Leute offenbar nicht korrekt verstanden haben, wie man eine bestimmte Sache verstehen soll. Da kam dann prompt der allgemeine Vorwurf, man hätte die Wissensbausteine wohl nicht richtig gelesen und die SOL Phasen seien nunmal Arbeitszeit, die man auch arbeiten sollte. Wenn man in einem Seminar an dem Punkt ist, dass man nicht mehr gerne fragt, oder sich nicht traut mal kritisch zu fragen und allgemein mit so einem gaslighthing Gefühl dasteht, dann ist irgendwas ziemlich faul.

Am Freitag steht bei uns LEK 1 an. Eine komplexe Arbeitssituation, die innerhalb von acht Stunden mit den ersten 4 Schritten einer BdA ausgearbeitet werden muss, also Arbeitssystemerfassung, Ermittlung, Beurteilung und Arbeitschutzziele. Alleine die flächendeckende Unsicherheit zu den Rahmenbedingungen der LEK 1 in unserem Kurs ist nicht ein Zeugnis der Unachtsamkeit oder Faulheit der Leute im Kurs, sondern ein Zeugnis von laissez-fairer Haltung der Lernbegleitungen, die ihrerseits mehrere Kurse parallel betreuen und es nicht hinkriegen hier systematisch alle abzuholen und zu informieren.

Im ersten Praktikum mussten wir diese Projektskizze anfertigen, zu der wir uns ja diesen Arbeitssystemerfassungsbogen aus der Nase ziehen mussten. Darin wurde auch von den Lernbegleitungen geprüft, ob das Projekt, also das Thema, für den weiteren Verlauf der Praktikumsphasen geeignet ist. Dazu gab es ein umfassendes Feedback, welches zu einer hohen Wahrscheinlichkeit mit KI ausgearbeitet wurde, aber zur grundsätzlichen Eignung meines Themas keine Einwände enthielt.

Doch vergangene Woche haben einige aus unserem Kurs mal genauer nachgefragt und da kam dann die Info: wir sollen für PRA2, also den zweiten Praktikumsblock, eine neue Projektskizze ausarbeiten und uns das Thema erneut genehmigen lassen. „Könnte das bedeuten, dass ein Thema auch nicht zugelassen werden kann?“, kam die Frage aus der Runde. Ja, war die Antwort. Wow. Ich erinnere mich genau, weil ich es mir aufgeschrieben habe, dass ich im letzten OSEM ExPLIZIT danach gefragt habe, ob die erste Projektskizze schon die Grundlage für alle weiteren Praktikas sein wird. Genau, Herr XY. Das was sie jetzt ausarbeiten, nehmen Sie als Grundlage für alle weiteren Ausarbeitungen. Alles klar. Und nun, fünf Wochen später müssen wir uns das Thema nun neu „genehmigen“ lassen? Und nicht nur das, wir sollen uns nochmal eine Unterschrift von unseren Projektbetreuuenden im Betrieb holen. Die haben aber schon längst ihre Zustimmung für das Thema gegeben, in meinem Fall ist das der EINZIGE Grund, warum ich überhaupt da bin. Daher habe ich mir das auch ja so konkret VOR der Vertragsunterzeichnung bestätigen lassen. Das erzeugte schon ziemlichen Unmut im Kurs. Ich mag mir gar nicht ausmalen, was wird, wenn sie mein doch recht komplexes Thema (ein Arbeitsplatz einer eingeschränkten Auszubildenden mit Behinderungsstatus) einfach ablehnen. So ein unnötiger Stress.

Unklare und geschwafelte Aufgabenbeschreibungen

Wenn man sich die meisten Unterlagen – und ja, das ist jetzt eine Unterstellung – von chatGPT generieren lässt und diese einfach so raushaut, dann ist auch klar, dass es durch Unklarheiten zu Verwirrung oder Irritationen bei den Kursteilnehmenden kommt. Ich führe als nächstes ein sehr gutes Beispiel an, was diesen Umstand verdeutlicht.

Die LEK 2 findet in der zweiten Praktikumsphase im Betrieb statt, in dem man die Schritte 1-4 bei der Beurteilung der Arbeitsbedingungen anhand eines gewählten Themas anwenden soll. Die Lernerfolgskontrolle besteht dann in der Bewertung der am Stichtag eingereichten Dokumente, sowie in der Beschreibung in einem dazugehörigen Praktikumsreport. Soweit cool, denkt sich derjenige Menschen, der sich auf das Praktikum gut vorbereitet und sich schonmal die Struktur auf dem Rechner anlegt. Als nächstes schaut man sich die Aufgabenbeschreibung an.

Aufgabenbeschreibung vs. Erwartungshorizont

Ein Auszug:

Eine Dokumentation der durchgeführten BdA an die Führungskraft. Ok. Cool.
Dann eine an den Lehrgangsträger gerichteten … Teil … ähm, der die Projektskizze mit einschließt. Ich vermute hier ist der Projektreport gemeint. Alles klar? Bei Unklarheit im Kurs nachgefragt, sich wieder zum Horst gemacht, weiter gehts.

Ok, nur zur Vollständigkeit: wir sind hier an dem Punkt, wo wir die Beurteilung der Arbeitsbedingungen Schritte 1 – 4 durchführen und die Lernbegleitungen dann anhand unseres schriftlichen Berichtes beurteilen sollen, ob unser Lernen erfolg hatte. Keep that in mind. Jetzt gehen wir das mal im inneren Dialog durch:

Ich zeige also eine umfassende und strategische Beratungsleistung, zur BdA.
Öhm, also bei den Schritten 1 – 4 ist man nach meinem Verständnis nicht bei der Beratung. Man ist zwar generell als Sifa beratend tätig, aber speziell hier – in Ausbildung im Praktikum – berate ich eigentlich nicht. Aber mein Vorgehen soll als strategisch (wichtiges Bla Bla an der Stelle: im Sinne eines KVP!!!!) erkennbar sein. Dann soll aus dem Text erkennbar werden, dass die Zusammenarbeit kooperativ ist. Dann soll im Text erkennbar werden, dass meine Argumentation fachlich und sprachlich an das Gegenüber angepasst ist. Dann ist es erkennbar, dass die Gesprächsführung XY ist. Dann – auch aus dem Text – soll erkennbar werden, dass der Umgang mit Konflikten konstruktiv war. LOL. Die Rollenverteilung soll auch erkennbar sein. Ok, gehen wir das durch, ich als zB funktionaler Autist nehme das, was da steht, wörtlich.


Schritt 1: Arbeitssystemerfassung.
Hier berate ich nicht, sondern ermittle. WIchtiger Unterschied, unnötige Verwirrung. Was ist gemeint?

Schritt 2: Ermittlung der Arbeitsbedingungen
Hier ermittle ich und habe hundert Fragen. Keine Beratungsleistung. Unnötige Verwirrung, keiner mag nachfragen, in einem Klima das Leute die nachfragen als faul darstellt, denen man mitteilt, dass SOL auch Arbeitstage sind, die man nicht nur vertrödeln darf und Wissensbausteine lesen sollte. Nur helfen Wissensbausteine im vorliegenden Fall? Null.

Schritt 3: Beurteilung der Arbeitsbedingungen
Hier beurteile ich die Gefährdung und Beanspruchungen. Auch hier keine Beratungsleistung. Frustrierend. Schon 50 % der Aufgabe trifft hier von der Erwartung der Lernbegleitungen oder des Bildungsträger überhaupt nicht auf die Praxis zu und ist somit unrealistisch.

Schritt 4: Definition von Arbeitsschutzzielen
Hier schreibe ich, ohne Maßnahmen zu definieren, erstmal die Zielformulierung auf ein Blatt Papier. Beratung findet hier, amP, auch nicht statt, weil ich ja nichtmal an dem Punkt bin, an dem ich Maßnahmen kommunizieren kann.


Ihr Vorgehen ist strategisch im Sinne eines KVP
(kontinuierlicher Verbesserungsprozess):

Nein, sorry. Mein Vorgehen ist im Praktikum insofern strategisch, dass ich mich nach den Verfügbarkeiten meiner Ansprechpersonen richte und schon gar nicht im Sinne eines KVP. Kontinuierlicher Verbesserungsprozess ist in meinem Verständnis, so wie es auch in den vielbeschworenen verfickten Wissensbausteinen steht, nachdem Maßnahmen getroffen wurden angezeigt, um diese kontinuierlich zu verbessern und neu zu bewerten. Oder ist hiermit gemeint, dass ich mich selbst in den Schritten 1 – 4 immer wieder korrigiere? Oder … oder … oder… Hier wurde einfach mal eine geschwafelte Formulierung verwendet, die überhaupt gar nicht klar ist.

Zusammenarbeit mit den betrieblichen Akteuren ist kooperativ
Ja, da fiele mir noch ein, wie ich das textlich darstelle. Cool soweit. Aber mit kooperativ kann hier nur gemeint sein, dass sich diese bereit erklärt haben, zB bei der Ermittlung oder der Beurteilung der Gefährdungen „mitzumachen“ und auch das nur, wenn sie Zeit haben. Was für ein Schwachsinn.

Beratung ist lösungs-, bzw. prozessorientiert
Sorry, aber mein Gehirn schwärzt solche Stellen beim Lesen, die aus einem Handbuch für Managementaufgaben abgeschrieben zu sein scheinen, nur damit man etwas schlau klingendes niederschreiben kann. Das wirkt wie schulbuchmäßiger KI-slop. Nonsense BlaBla, Geschwafel-Müll. Vor allem: ich berate hier im PRA 2 nicht.

Gesprächsführung ist zielführend, konstruktiv und systematisch
Klar, wenn Du mir noch verrätst, wie ich euch Lernbegleitungen das noch textlich darlegen soll, dann kommen wir ins Geschäft. 🙂 Ernsthaft, wenn erwartet wird, dass ich Sätze schreibe wie: „Insgesamt waren meine Gespräche mit allen Beteiligten von mir auf eine Weise geführt, die zielführend und konstruktiv war. Systematisch auch“, dann komme ich mir echt verarscht vor.

Eigene Rolle und die der Führungskraft ist eindeutig herausgestellt
Wieder eine Forderung, nur damit es nochmal drin steht. Das kam bis jetzt bei jedem Gespräch mit dem Praktikumsbetrieb zur Sprache, wie oft wollt ihr das denn noch? Das wurde auch schon in der Praktikumsskizze aus PRA 1 deutlich. Mann, mann.


Also, wenn die Aufgabe so gestellt ist, dass ich bei dem Gegenstand der LEK 2 bereits den Erwartungshorizont nicht erfüllen kann, weil dieser nicht mit der Aufgabe zusammenpasst, dann ist das schon problematisch.

Ergo ist doch alles unklar soweit, was genau in diesem Praktikumsreport stehen muss. Wir müssen/sollen zwingend eine Vorlage des Bildungsträgers verwenden, was ich schon als Zumutung empfinde. Ok, offensichtlich ist es für die Lernbegleitungen nicht möglich hier korrekt zu bewerten und die im Eventhorizon genannten Horrorformulierungen dann auch als Bewertungskriterium zu nutzen. Das geht, wie dargelegt, gar nicht. Also gesetzt den Fall, ist es auch komplett egal, was ich in diesen Report schreibe. Sie werden 100% in ihrem KI generierten Feedback Dinge drin stehen haben, aber die Bewertung entscheidet nicht über Bestehen oder nicht Bestehen. Bei so einer unklaren Aufgabenbeschreibung und pseudo-fachlichen Auflistung von unrealistischen Kriterien kann das nur so sein. Es ärgert mich nur so, weil ich die Ausbildung gerne ernst nehmen würde.

Dann hangelt man sich weiter durch die 1A beschissene Aufbereitung der Aufgabe und stößt dann schlussendlich auf die zwingend zu verwendende Vorlage dieses ominösen Praktikumsreports. Der sieht dann schon wieder ganz anders aus. Wäre ja defintiv zu viel verlangt, dass sich jemand mal die Mühe gemacht hätte, hier die Punkte und Fragestellungen KONGRUENT und logisch zusammen zu bringen, oder?

Somit gibt es jetzt drei unterschiedlich ausgerichtete Vorstellungen in meinem Hirn von dem, was da von mir erwartet werden könnte. Und da sich die Lernbegleitungen auch nicht zu einer konkreten Aussage verhaften lassen, bleibt dieses lernhinderliche Unsicherheitsgefühl übrig, das einen entweder zu einer laissez-fairen Haltung zur Ausbildung zwingt, oder verzweifeln und in Stress ertrinken lässt. Je nachdem, was man für ein Menschentyp ist, kommt man damit klar oder nicht. Es ist nur schade und ganz ehrlich, Leute die den Kurs selbst bezahlen, wären total berechtigt sich richtig darüber aufzuregen.

Das Fazit

Die Lernbegleitungen (in meinem Kurs) haben die falsche Auffassung davon, was kompetenzorientierte Didaktik bedeutet und wie ihre Rolle in dem Konstrukt aussehen sollte. Sich für alles nicht verantwortlich zu fühlen und bei Kritik die DGUV vorzuschieben, gehört nicht zur Aufgabe der Lernbegleitungen. Sondern das GANZ KLARE Formulieren von Aufgaben mit einem EINDEUTIGEN und REALISTISCHEN Erwartungshorizont. Und damit meine ich nicht das Vorkauen bei der Anwendung von Beurteilungsverfahren oder anderen Dingen, die man sich EASY im Selbstlernprozess aneignen kann. Niemand will gern abloosen, niemand will gern in einer unklaren und nebulösen Situation verharren, in der er sich ständig anhören darf, so sei eben Erwachsenenbildung und kompentenz….dinges … ihr wisst schon.

Es könnte sein, dass nicht das Lernkonzept der DGUV scheiße ist, sondern die Lernbegleitungen einfach keinen guten Job machen. Oder, am wahrscheinlichsten: das Lernkonzept ist scheiße und den LB ist es auch egal und wir machen uns alle vollkommen umsonst verrückt und verbraten wichtige Ernergie für Ärger, der sich vermeiden ließe. Eine jahrzehntelange Sifa zu sein ist vielleicht kein Garant dafür, auch eine gute Lernbegleitung zu sein, die gut mit Informationen dealen kann und Menschen gut auf eine bestimmte Aufgabe vorbereitet.

Für mich bedeutet das, dass ich den Rest der Ausbildung, dem Kurs, dem Bildungsträger und dem ganzen Schnickschnack drum herum nicht mehr so viel Bedeutung schenke. Wie ich von anderen Sifas aus meinem Umfeld gehört habe, ist es wohl recht schwer wirklich durchzufallen. Ich freue mich auf den Moment, wo ich meine eigenen Vorlagen benutzen kann und den Schein dann in der Tasche trage und den ersten Betrieb betreue. (Auch so ein Punkt! Man kommt sich schon richtig dumm vor; kann ich meine eigenen Vorlagen verwenden? Sicher, Herr XY, sie können das machen, wie sie wollen!)

„Die kompetenzorientierte Didaktik will Menschen durchaus an ihren Grenzen scheitern lassen, damit Entwicklungsbedarfe sichtbar werden.“ Doch es ist eine Sache, Leuten unklare Infos zu geben oder wichtige Informationen vorzuenthalten, oder sie eventuell sogar bewusst in Situationen zu bringen, in denen dieser fragwürdige Lerneffekt provoziert werden soll.